God´s Wonderful Railway – Zugfahren im viktorianischen Zeitalter

Lokomotiven, Züge, Schienen, das fasziniert mich von jeher ein bisschen – und zwar am besten mit Dampf. Als ich zwölf war, stand ich fasziniert vor der alten Lok, die vor dem Braunschweiger Hauptbahnhof steht, und war immer hellauf begeistert, wenn in historischen Filmen mit der Eisenbahn gefahren wurde. Ich habe mittlerweile ein paar Verkehrsmuseen besucht, in denen Lokomotiven, Wagons und Straßenbahnen des 19. Jahrhunderts ausgestellt waren, und dann erst all die Romane über den Schienenbau im amerikanischen Westen und Reisen mit der Eisenbahn, von amerikanischen Waisenzügen hin zum Ausbau des Streckennetzes in Großbritannien.

Brunel’s Wonderful Railway – Englands erstes Schienennetz

Deshalb, und weil sie so ein wichtiger Bestandteil des technischen Fortschritts im neunzehnten Jahrhundert sind, denke ich, dass ein Bericht über Schienen und Züge ganz angebracht ist. Den amerikanischen Westen erspare ich euch jedoch für’s Erste, der Fokus des Blogs liegt schließlich auf Europa und im Besonderen auf England und Frankreich. Deshalb gibt es heute etwas über die britische Great Western Railway zu lesen.

Die Eckdaten zur “Great Western Railway”, die ab 1838 London mit Westengland und einem Teil von Wales verband, möchte ich niemandem vorenthalten: Auch bekannt unter dem Namen God´s Wonderful Railway wurde die GWR eigentlich geplant, um Bristol den Standpunkt als zweitwichtigsten englischen Handelshafen zu sichern, da man sich von Liverpool bedroht fühlte.

Mit Zuganbindung hätte Bristol den entscheidenden Vorteil vor Liverpool gehabt. Chefingeneur war kein geringerer als der berühmte Ingenieur Isambard Kingdom Brunel. Er wählte die unübliche Breite von 7 Fuß für die Spurweite, da er annahm, dass dies die Züge bei hoher Geschwindigkeit weicher fahren lassen würde. Außerdem entschied er, dass die Strecke durch die Malborough Downs nach London führen sollte. Dort gab es keine großen Städte, doch die Anschlussmöglichkeiten zu anderen Städten waren dort besser, wenn nicht sogar ideal.

1838 fuhren dann die ersten grünen Lokomotiven von London nach Maidenshead, ein Jahr später erreichten die Schienen auch Bristol und 1840 sogar Bath. Die eigentlich des Handels wegen gegründete Railway bekam den Beinamen Holiday Line, da sie auch bevorzugt Urlauber aus London in die Kurorte (Bath zum Beispiel) beförderte. 1867 breitete sich die Railway sogar bis nach Penzance in der Nähe von Land’s End aus, im äußersten Eckchen von Südwestengland.

Es mag uns heute sonderbar erscheinen, wo man mit dem Zug sogar bis ins kleinste Dorf im Harz oder von Berlin bis nach München und sogar nach Paris fahren kann, doch vor der Great Western Railway, die von London nach Bristol (knapp 190 Kilometer) vier Stunden unterwegs war, erreichte man sein Ziel in England bloß mit dem Pferdewagen und das dauerte natürlich noch um einiges länger und erforderte Zwischenstopps mit Übernachtungen. Diese große Railway, die in Großbritannien erstmals längere Strecken fuhr und mehrere Städte miteinander verband, war also eine Innovation und eine Revolution, was das Reisen anging.

Gauge War, Verstaatlichung und Komfortprobleme

Die breitere Spurenweite wurde der Great Western Railway (wegen einiger langwieriger Umwege über kleine Anschlussbahnhöfe hier und da auch im Scherz Great Way Round genannt) beinahe zum Verhängnis, da einige Städte bereits über Standardschienen erreicht werden konnten und man somit den Zug wechseln musste, da die Lokomotiven der GWR auf den Standardschienen natürlich nicht weiterfahren konnten.

Erst 1861 verlor die GWR den sogenannten Gauge War (dt. etwa Breitenkrieg) gegen die London and North Western Railway und baute seine Schienen auf Normalspur um, oder verlegte Dreischienengleise, auf denen beide Zugtypen fahren konnten. Erst in den 1890ern wurde der letzte Abschnitt mit der breiten Spurweite auf Normalspur umgebaut. Die GWR ist übrigens die einzige britische Railway, die nach dem Railway Act von 1921 ihren Namen behalten durfte. Erst 1947 wurde die Great Western Railway verstaatlicht.

Eine Fahrt mit der GWR

Wie so eine Fahrt mit der Great Western Railway aussah, möchte ich euch natürlich auch erzählen. Wir heute beschweren uns ja gern über die Zustände in Regionalbahnen (zu kalt, die Fenster gehen nicht auf, wieso stehen wir hier schon wieder grundlos einfach rum?), doch eine Fahrt mit der Great Western Railway muss noch um einiges ungemütlicher gewesen sein. Natürlich, die Möglichkeit lange Strecken mit dem Zug zurücklegen zu können, war revolutionär und eine klare Verbesserung der Verhältnisse, doch man darf sich viktorianische Züge nicht so komfortabel wie heute vorstellen, ganz besonders nicht die günstigen Plätze in der dritten Klasse.

Zum einen gab es weder an Bord noch auf den Bahnsteigen Toiletten, sodass viele Männer und auch Frauen dazu übergingen, einfach irgendwo unbeobachtet auf den Gleisen zu gehen. Doch auch, wenn man eine lange Zugfahrt überstand, ohne auf die Toilette zu müssen, konnte sie ungemütlich werden. Öffnete man nämlich das Fenster, hatte man eine gute Chance, dass Rauch und Qualm der Dampflock ins Abteil kamen und nicht nur das Atmen schwer machten, sondern auch die Kleidung verschmutzten. Auch konnte es passieren, dass Schmutz aus den Schornsteinen hereinkam, den man ins Auge bekommen konnte, weshalb es im neunzehnten Jahrhundert extra Schutzbrillen zu kaufen gab, die man aufsetzen konnte, bevor man das Zugfenster öffnete.

Die ersten Züge fuhren natürlich schneller, als man es von seinen Pferdewagen gewohnt war, sodass es zu ernshaften Überlegungen kam, ob ein Mensch die hohe Fahrtgeschwindigkeit überhaupt überleben konnte – Diese Überlegung löste sich natürlich bald in Wohlgefahlen auf, doch besonders für Frauen war das Reisen per Eisenbahn trotzdem recht gefährlich. Für alleinreisende Frauen und Mädchen, die es im Eisenbahnzeitalter sehr wohl gegeben hat, war Belästigung durch männliche Mitreisende leider ein bekanntes Problem. Ebenso die Zuhälter, die ihre Leute an die Bahnhöfe schickten, wo sie allein reisende junge Frauen aufgabeln sollten.

Es wird also ungemütlich und ruckelig gewesen sein mit diesen ersten Zügen zu fahren und doch war es der bisher beste und schnellste Weg, ans Ziel zu gelangen. Wer seine Viktorianer in seinen Geschichten also reisen lassen will, sollte immer im Kopf behalten, dass die Standards in den Zügen nicht die selben waren wie heute und nachsehen, wie weit man zu welcher Zeit mit dem Zug überhaupt kam.

Es gab neben der GWR natürlich auch noch andere Eisenbahngesellschaften wie die Midland Railway, die London mit Leeds verband, oder die große London and North Western Railway, die Birmingham, Leeds, London, Manchester und Liverpool verband, und oft war es sehr kompliziert ganze Strecken zu buchen, da es so etwas wie Anschlusszüge noch nicht gab und man oft mittendrin die Schienengesellschaft wechseln musste. Lange Wartezeiten an verlassenen Bahnhöfen ohne Toiletten oder Gasthäuser stehen also genauso auf dem Plan, wie verrauchte Abteile, holprige Schienenabschnitte und störende oder sogar gefährliche Mitreisende.


Beitragsbild: “Der Bahnhof”, William Powell Firth, 1862


Selbst nachlesen?

Deary, Terry: Dangerous Days on the Victorian Railways. 2014.

Gibbs, George Henry: The Birth of the Great Western Railway. 1971.

2 Kommentare zu „God´s Wonderful Railway – Zugfahren im viktorianischen Zeitalter“

  1. Danke für den Beitrag! Seit den Recherchen für die Mohnkinder und einem Besuch im Steam-Museum in Swindon bin ich ein großer Fan der GWR. BTW, das neue Design ist klasse!Liebe GrüßeMaja

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