Das Veloziped erobert die Welt

Das Fahrrad. Heute ist es nicht mehr wegzudenken aus dem Straßenverkehr, fast jeder besitzt eins und zumindest Leute wie ich sind darauf angewiesen, da sie keinen Führerschein haben oder das Fahrrad aus anderen Gründen dem Auto vorziehen. Doch noch vor rund 150 Jahren war das Fahrrad nicht so selbstverständlich wie heute.

Die Anfänge des Fahrrads sind bescheiden. Bereits 1817, zu Beginn der Biedermeierära, entwarf der deutsche Baron Karl von Drais ein erstes fahrradähnliches Gefährt: Die Draisine. Die Draisine sieht einem modernen Fahrrad schon bemerkenswert ähnlich. Zu beachten ist bloß, dass sie komplett aus Holz ist, Gestell wie Räder, und keine Pedalen hat, weshalb sie auch Laufrad genannt wird: Man saß auf einem Ledersattel, musste die Draisine aber mit den Füßen antreiben, um sich fortzubewegen. Das Vorderrad ließ sich allerdings bereits steuern. Entgegen aller Erwartungen wurde die Draisine ein beliebtes Fortbewegungsmittel. Man konnte mit ihr schneller von A nach B kommen, als zu Fuß, musste aber nicht sofort die Kutsche anspannen lassen oder das Pferd aus dem Stall holen. Angeblich hat sich Drais die Draisine ausgedacht, nachdem viele Pferde die große Hungersnot von 1816 nicht überlebt hatten und ein anderes Transportmittel hermusste. Das erste richtige Fahrrad nach heutiger Vorstellung aber stammt aus dem viktorianischen Zeitalter.

Der Knochenschüttler – Wo Räder sind, passieren Unfälle

Une course française de vélocipèdes, 1869 – Im Hintergrund sind bereits auch Frauen mit Fahrrädern zu sehen

1839 entwirft der erst 27-jährige Schotte Kirkpatrick MacMillan das erste mechanisch betriebene Fahrrad. Es hatte genau wie heute bereits einen Hinterradantrieb und sorgte laut einer urbanen Legende im Jahr 1842 auch gleich für den allerersten aufgezeichneten Fahrradunfall: MacMillan selbst soll in Glasgow eine junge Frau angefahren haben und dafür fünf Schillinge Strafgeld bezahlt haben müssen. Ob diesen Unfall wirklich Kirkpatrick MacMillan verursacht hat, oder ob er wirklich passiert ist, ist nicht bewiesen, aber die Geschichte ist zu hübsch, um sie hier nicht zu erwähnen.

Das erste kommerziell erfolgreiche Fahrrad ließ allerdings noch bis 1863 auf sich warten und brauchte noch vier, fünf Jahre, bis es wirklich beliebt wurde. Wer es entwickelt hat, ist unklar, da verschiedene Patente vorliegen, doch der Entwicklungsort ist Frankreich. Dieses Fahrrad hatte ein leicht vergrößertes Vorderrad, an dem die Pedale befestigt waren. Es hatte also einen Vorderradantrieb, was für einige Komplikationen sorgte: Es ist nicht leicht, ein Fahrrad zu steuern, wenn die Steuerung und der Antrieb über dasselbe Rad erfolgen. Solche Fahrräder könnt ihr auf der Illustration oben  in Aktion sehen.

Zuerst hatte dieses Fahrrad keine Federung, weshalb es besonders auf den britischen Inseln als „Knochenschüttler“ in die Geschichte einging. In Paris war das kein Problem, da die Pariser Straßen zu diesem Zeitpunkt bereits ein ebenes, glattes Pflaster hatten, doch auf den Londoner Kopfsteinpflastern und in den USA sah das anders aus. Man wurde regelrecht durchgeschüttelt und eine sanfte Art der Fortbewegung war das Fahrradfahren nicht, dafür allerdings eine Modische. Der „Knochenschüttler“ war das erste Fahrrad, das in Massenproduktion ging und 1865 legten die Olivierbrüder darauf die bisher längste gefahrene Strecke zurück: Von Paris nach Avignon.

Sicher war dieses Fahrrad allerdings ganz und gar nicht: Der Lenker befand sich zu weit vorn, sodass man nur mit gänzlich ausgestreckten Armen fahren konnte. Außerdem brachen immer wieder die eisernen Rahmen des Fahrrads mitten in der Fahrt, was zu schlimmen Unfällen führen konnte. In den USA gab es in den 1870ern sogar Schulen, in denen Herren das Fahrradfahren lernen konnten, so kompliziert war der Knochenschüttler. Ebenfalls in den 1870ern folgten die ersten Gummireifen, die das Fahren etwas einfacher machten.

Das Hochrad schreibt Geschichte

Links: G.E.B. Timewell, der mit dem Hochrad von Sidney nach Rockwell fuhr, 1885 | Mitte: “Bicycling” von Hy Sandham, 1887 – Die Frau im Vordergrund fährt auf einem Dreirad, das damals auch sehr beliebt war und auch zu zweit gefahren werden konnte | Rechts: T. Doyle mit Fahrrad, das wohl zum Fotostudio gehörte, ca. 1880

Aus dem Knochenschüttler entwickelte sich langsam aber sicher das Fahrrad, das wohl alle vor Augen haben, wenn sie an viktorianische Fahrräder denken: Das Hochrad. Man bemerkte bald, dass man schneller fahren konnte, je größer das Vorderrad des Fahrrads war, weshalb das Vorderrad des Knochenschüttlers immer größer und größer wurde. Das Hochrad hatte einen Rahmen aus Schweißstahl und stabile Gummireifen, die gut über kleinere Hindernisse hinwegrollen konnten. Sein skurriles Aussehen brachte ihm bald den Namen Penny Farthing ein, weil das Rad aussah, als hätte man einen Penny und einen Farthing nebeneinander gelegt.

Auf den drei Bildern oben könnt ihr solche Hochräder sehen. Links seht ihr George E.B. Timewell, der 1885 mit dem Hochrad von Sidney nach Rockwell fuhr und für einige Schlagzeilen sorgte. In der Mitte seht ihr eine ganze Gruppe Menschen auf Hochrädern. Die Frau im Vordergrund fährt ein Dreirad, wie sie in den späten 1870ern in Großbritannien sehr beliebt wurden. Besonders Damen, die sich in langen Röcken nicht auf die Hochräder trauten, fuhren Dreirad, doch auch viele Herren bevorzugten es aus Sicherheitsgründen. Es gab auch Dreiräder, die zu zweit gefahren werden konnten, die bei Paaren sehr beliebt wurden.

Entgegen aller Erwartungen war es ziemlich einfach auf das Hochrad aufzusteigen, doch das Fahren wiederum kostete einiges an Konzentration und Können. Unfälle waren an der Tagesordnung. Traf man auf ein unüberwindbares Hindernis, war es sehr gut möglich recht unelegant über den Lenker hinweg abzusteigen. Das soll man in den Gegenden, in denen viel Fahrrad gefahren wurde, recht oft beobachtet haben können und die Folgen waren meist gebrochene Handgelenke oder Oberarme. Nicht selten starben die Herren bei diesen Unfällen. Das Fahrradfahren galt zu dieser Zeit nicht als alltägliches Fortbewegungsmittel, sondern als Sport für junge Männer, die sich etwas trauten. Extremsport, kann man fast sagen.

Maßnahmen gegen diese Unfälle sind teilweise praktisch und teilweise ulkig. So wurden Lenker angebracht, die hinter die Beine hakten und einen Sturz vom Fahrrad unmöglich machten, wenn nicht gleich das ganze Fahrrad umfiel. Einige junge Herren fuhren auch einfach mit über den Lenker gelegten Beinen, damit sie im Falle eines Sturzes mit den Füßen zuerst aufkamen. Ob das sicherer ist, möchte ich bezweifeln, doch es wird interessant ausgesehen haben. Interessant finde ich, dass sich Anweisungen dazu finden lassen, wie man auf einem Hochrad stehen oder andere Tricks vollführen kann. Ein weiterer Beweis dafür, dass das Fahrradfahren ein Sport war und nicht nur der Fortbewegung diente.

Das Safety Bike und der Kult um das Fahrrad 

Erst in den 1880er Jahren wurde das Fahrrad zum alltäglichen Transportmittel: Das Safety Bike entstand. Von nun an war das Hochrad als „normales Fahrrad“ bekannt, während das verbesserte Safety Bike als sichere Variante galt. Das Safety Bike war das erste Fahrrad mit Kette und hatte nun anstand des Vorderradantriebs erneut einen bis heute gebräuchlichen Hinterradantrieb, was die Steuerung einfacher machte. Außerdem gab es nun zwei ungefähr gleichgroße Reifen, die aufblasbar waren, was sie nachgiebiger machte und den Fahrer davor schützte, wegen eines Schlaglochs oder kleinen Hindernisses vom Rad zu fallen. Das große Vorderrad war durch den Kettenantrieb, der das Rad sehr schnell machte, überflüssig geworden.

Das Safety Bike war übrigens recht günstig: Auch das Bürgertum fuhr nun Zweirad und um 1900 gehörte das Fahrrad schon fast so fest zum Straßenverkehr dazu, wie heute. Nicht umsonst nennt man die Jahrhundertwende das goldene Zeitalter des Fahrrads! Auf dem Beitragsbild seht ihr H. Ambrose Kiehl, der seine kleine Tochter Laura auf den Lenker eines Safety Bikes gesetzt hat. Das spricht für die Sicherheit des neuen Fahrrads, denn mit einem Hochrad oder einem Knochenschüttler hätte er das sicherlich nicht getan.

Die radfahrende Frau und die Emanzipation

Links: Postkarte mit Annie Londonderry, die mit dem Fahrrad um die Welt fuhr, 1904 | Mitte: Bicycling: The Ladys of the Wheel, 1896 – Zwei Frauen in moderner “tailor-made”-Mode mit Fahrrad als Symbol für die moderne Frau | Rechts: Fahrradanzug, 1898 (LACMA)

Das Safety Bike ist, kurz und knapp gesagt, ein großes Hilfsmittel auf dem Weg der viktorianischen Frau in die Unabhängigkeit. Hochrad konnten Frauen kaum fahren: Es war schier unmöglich in den langen Röcken auf das Hochrad zu steigen oder es zu steuern. (Frauen fuhren aber wie erwähnt Dreirad und waren mobil.) Doch das Safety Bike machte es möglich: Die Frau fuhr Rad. Natürlich war es zuerst gesellschaftlich überhaupt nicht angesehen, dass wohlhabende Damen sich aufs Rad schwangen und in der Stadt herumfuhren, doch bald wurde das Fahrrad zum Symbol für die neue, selbstbewusste, unabhängige Frau.

Und das kommt nicht von irgendwoher. Denn das Fahrrad ermöglichte eine neue Mobilität, die Frauen bisher nicht gekannt hatten. Nach altem viktorianischen Ideal hatte die Frau der Engel des Hauses zu sein, sollte das Heim möglichst wenig verlassen. Eine klare Einschränkung, gegen die sich die neuen Frauen massiv wehrten. Das Fahrrad verschaffte ihnen neue Bewegungsfreiheit, denn auf dem Rad ließen sich auch Orte, die nicht zu Fuß erreicht werden konnten, schnell erreichen und der Radius der Frau wurde größer. Die Frauen der Jahrhundertwende wollten ihre Zeit nicht mehr im Haus verbringen. Das Fahrrad gab ihnen die Mittel in die Hand, draußen zu sein und sich zu bewegen. Bereits 1895 umfuhr Annie Londonderry auf einem Safety Bike die gesamte Welt, was sie nicht nur zum gefeierten Sportstar machte, sondern auch zum Vorbild für die neuen Frauen.

Bald entstanden Fahrradanzüge für Frauen, die ihnen den neuen Sport noch einfacher machten: Robuste dunkle Hosen, die nach außen den Anschein eines Rockes vermittelten, modisch geschnittene dazu passende Jäckchen, Gamaschen, um die Beine zu schützen, und passende Hüte gehörten dazu. Ihr könnt so einen Anzug an Annie auf der Postkarte links sehen und natürlich rechts.

Nach gesellschaftlichen Konventionen aber war die Fahrrad fahrende Frau vor allem eines: Unweiblich. Die Fahrradmode wurde als unschicklich angesehen, als liederlich, und das Fahrradfahren für die Frau, die auch um 1900 immer noch als schwächlich und zu schnell erschöpft galt, völlig ungeeignet. Die kuriosesten Gründe, oft pseudomedizinisch belegt, tauchten auf, um den Damen das Fahrradfahren zu verleiden und mitten in die Moralpanik des ausgehenden neunzehnten Jahrhunderts rauscht eine neue Panik: Immer wieder schreibt die Presse von furchtbaren Fahrradunfällen, von Frauen, die gerettet werden mussten, weil sie mit dem Fahrrad gestürzt waren oder in Bedrängnis geraten waren. Karikaturen tauchten auf, die sich über Fahrrad fahrende Frauen lustig machten. Die Damen lenkten jedoch nicht ein und das ist auch gut so.


Beitragsbild: “Papa and Laura on Bicycle” – Aus dem Fotoalbum von H. Ambrose Kiehl, Kiehl mit seiner Tochter Laura auf einem Fahrrad, 1896


Selbst nachlesen? 

Herlihy, David V.: Bicycle. The History. 2004.

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