Memento Mori – Der Totenkult der Belle Époque

Die Belle Époque und der Tod. Ein schier endloses Thema, über das ich hier auf dem Blog bereits das ein oder andere Mal berichtet habe. Wer unvorbereitet auf die Menschen des Fin de Siècle und ihren Umgang mit dem Tod und dem Sterben trifft, der wird sich vielleicht wundern oder die Menschen des neunzehnten Jahrhunderts vielleicht sogar für unheimlich oder makaber halten. Ich habe mich auch lange gesträubt den damaligen Umgang mit dem Tod zu verstehen, was wohl größtenteils daran liegt, dass er so komplett anders aussieht, als unser moderner Umgang mit dem Sterben.

Ein Bild, das mir seit Jahren nicht mehr aus dem Kopf will, ist eine Fotografie, die junge, britische Medizinstudenten zeigt, die um eine halb verweste Leiche herumstehen, lächelnd, keinesfalls schockiert oder angewidert. Das mag zum einen dran liegen, dass sie als Medizinstudenten schon viele Tote gesehen haben müssen. Ein anderer Grund lässt sich auf dem Bild jedoch auch finden, im Hintergrund, in Kreide an die Tafel geschrieben. When shall we meet again?, fragen sie, Wann treffen wir uns zum nächsten Mal? Aus offensichtlichen Gründen möchte ich das Bild hier auf dem Blog nicht zeigen, obwohl es wohl eins der besten Beispiele für den viktorianischen Umgang mit dem Tod, den Triumph über den Tod, ist.

Die Menschen im langen neunzehnten Jahrhundert hatten ein komplett anderes Verhältnis zum Tod, zum Sterben, aber auch zum Leben, als wir heute und sicherlich ist es manchmal schwer, diese Denkweisen zu verstehen und sich in sie hineinzuversetzen. Doch wem wirklich etwas daran liegt, die Menschen der Vergangenheit besser zu verstehen, der wird es sicherlich trotzdem versuchen wollen und mit diesem Artikel heute möchte ich euch einen ersten Einblick in dieses komplexe, gesellschaftliche Thema geben. Ich habe lange überlegt, wie ich den Artikel am besten aufziehe, habe mich dann aber entschieden zuerst einmal einen kleinen Exkurs in eine ganz andere Zeit zu unternehmen. Es wird euch sicherlich überraschen, aber ich bin offiziell gar nicht auf das neunzehnte Jahrhundert „spezialisiert“, sondern auf die frühe Neuzeit. Und hier zeigt sich bereits ein Umgang mit dem Tod, eine Bewegung könnte man sagen, die sich im neunzehnten Jahrhundert fortsetzt.

Mittelalter und Barock – Danse Macabre und Vanitas 

Links: Stillleben mit Blumenstrauß und Schädel, Adriaen van Utrecht, 1642 | Rechts: Detail aus einem Totentanz-Zyklus, Jakob von Wyl, ca. 1600

Der Tod hat die Menschen schon immer gleichzeitig abgeschreckt und fasziniert. Das lässt sich schon in den frühsten bekannten Kulturen an den teilweise aufwendigen Grabsitten erkennen. Ich möchte jetzt aber auf ein kunsthistorisches Phänomen eingehen, das den Grundstein für das legt, was wir auch später in der Belle Époque ausmachen können: Den Danse Macabre. Der Totentanz ist eine spätmittelalterliche Allegorie, die eine ganz bestimmte Botschaft vermitteln soll: Egal, wie jung du jetzt bist, wie reich, wie schön, welche Stellung im Leben du innehast, der Tod vereint uns am Ende alle. Auf diesen spätmittelalterlichen Darstellungen sind oft tanzende Skelette zu erkennen, die ganz verschiedene lebendige Menschen dazu bewegen mit ihnen zu tanzen. Bilder, auf denen schöne junge Frauen von hässlichen Skeletten umtanzt werden, sollten als Erinnerung daran dienen, dass die irdischen Reichtümer nicht für ewig andauern würden, dass am Ende immer der Tod steht.

Die Tradition des Danse Macabre hat seinen Ursprung im Frankreich des frühen fünfzehnten Jahrhunderts, breitet sich im späten Mittelalter allerdings in ganz Europa aus und wird eine neue beliebte Denkrichtung, nicht etwa ganz spontan, sondern mit Hintergrund: Die Pest wütet in Europa, der hundertjährige Krieg fordert seine Opfer, Hungersnöte ziehen durch die Länder. Das späte Mittelalter muss sich mehreren schlimmen Krisen stellen und der Danse Macabre ist eine Antwort darauf, eine Erinnerung daran, dass der plötzliche Tod schon an der nächsten Ecke lauern kann.

Die zweite Bewegung, die ich erwähnen möchte, bevor wir zur Belle Époque kommen, ist der barocke Vanitasgedanke des siebzehnten Jahrhunderts. Hinter dem Vanitasgedanken steckt dieselbe Warnung, wie hinter den Danse-Macabre-Bildern des Mittelalters: Der Tod holt am Ende jeden. Der Vanitas trieb jedoch noch andere Blüten und wurde auf ganz andere Weise ausgedrückt. So ging es den Vertretern des Vanitas viel eher um die Flüchtigkeit des irdischen Lebens, um die Vergänglichkeit und Nichtigkeit des Lebens auf Erden und das stetige Voranschreiten der Zeit.

Der Vanitas arbeitete besonders in der Kunst mit ganz bestimmten Symbolen, die sich besonders in niederländischer Vanitaskunst immer wieder entdecken lassen: Das Stundenglas für die Zeit, die verrinnt, eine Blume, manchmal welk, für die Fragilität des menschlichen Lebens, ein Schädel, der den Tod symbolisiert. Vergammelte, geschnittene oder geschälte Früchte, besonders die Zitrone, deren Schale sich abwellt, repräsentierten Verwesung und Vergänglichkeit, Masken galten als Zeichen für den Schein: Oft werden hier Skelette dargestellt, die Masken mit menschlichen Gesichtern zeigen, hinter denen sie sich verstecken. Die Symbolik ist eindeutig, genauso wie die von Uhren oder leeren Kelchen.

Im Vanitas erreicht die Auseinandersetzung mit der Flüchtigkeit des Lebens, der Vergänglichkeit alles Irdischen, die wie erwähnt bereits in der Antike ein Motiv ist, einen ästhetischen und kulturellen Höhepunkt, ist überall zu finden und schlägt sich nieder in den bis heute bekannten Memento Mori (dt. Bedenke, dass du sterben wirst) – Sprüchen und Abbildungen, die mithilfe der oben genannten Symboliken Leser und Betrachter an die eigene Sterblichkeit erinnern sollen.

Fin de Siècle: Die Wiederentdeckung des Todes

Links: Memento-Mori-Postkarte, “La Vie et la Mort”, 1908 | Mitte: Skelettkronleuchter des berühmten Café du Néant, dem Totencafé, in Paris, ca. 1900 | Rechts: Werbung für das Horror-Theater Grand-Guignol in Paris, Jules-Alexandre Grün, ca. 1890

Der viktorianische Vanitas, wenn man ihn so nennen möchte, mag auf den ersten Blick wirken wie eine Rückbesinnung auf frühneuzeitliche Gedanken und Vorstellungen von der Welt. Aber das ist er nur im ersten Augenblick. Auch die Belle Époque hat ein sehr enges Verhältnis zum Tod. Kriege und Krankheiten machen ihn im neunzehnten Jahrhundert zum ständigen Begleiter. Doch die modernen Künstler des späten neunzehnten Jahrhunderts nutzen den Vanitas ganz anders, als die Generationen davor: Sie nehmen ihn einfach nicht mehr ernst. Vanitassymbole, zuvor noch religiös und moralisch wichtige Symbole, haben nun einen viel irdischeren Zweck: Sie werden zu Unterhaltungssymbolen.

Besonders das fin de siècle mit seinem dekadenten Pessimismus zeigt, was hier passiert. Die Gesellschaft nutzt den Vanitasgedanken, um sich gleichzeitig von ihm abzugrenzen. Sie zieht ihn ins Lächerliche, stellt sich über die Vergänglichkeit und den Tod. Der Vanitasgedanke wird Unterhaltung. Und aus dieser Bewegung heraus entsteht im 19. Jahrhundert das moderne Genre der Horror- und Schauerliteratur, zum Beispiel im Pariser Theater Grand-Guignol, in dem Abend für Abend künstliches Blut spritzt, getötet und gefoltert wird. Während die Zuschauer.innen teilweise in Ohnmacht gefallen sein sollen, kamen sie dennoch immer wieder.

Tod, Vergänglichkeit und Sterben sind nichts Ernstes mehr, nichts Unheimliches. Die Menschen des späten neunzehnten Jahrhunderts bewältigen die Angst vor dem Tod, indem sie ihn zu etwas Banalem erklären, zu etwas, das unterhalten kann. Und so erklärt sich auch das Bild der Medizinstudenten, das ich oben erwähnt habe. Wann treffen wir uns zum nächsten Mal?, fragen sie grinsend und das Augenzwinkern ist nicht zu übersehen. So erklären sich auch die nach heutigem Verständnis makaberen „Totencafés“ in den großen europäischen Metropolen, ganz besonders in Paris, in denen als Skelette verkleidete Kellner die Gäste in einem Schankraum bedienen, der aussieht wie eine Gruft oder die Hölle. Das berühmte Cabaret du Néant in Paris mit seinem noch berühmteren Skelettkronleuchter (oben, mitte) kommt in den Sinn.

Wo Mittelalter und Barock den Tod fürchten und unter der Vergänglichkeit leiden, wo die Aufklärung den Triumph des gelebten Lebens über den Tod stellt, begegnet das fin de siècle dem Tod mit Spott. Wo der Vanitas im Barock vor dem Schein von Luxusgütern und ihrer Vergänglichkeit warnt, überkommt das dekadente fin de siècle den Vanitas, die Angst vor dem Tod, indem es sich in Kunst, Literatur und alltäglicher Unterhaltung ausführlich mit ihm beschäftigt, indem es Schönheit und Reichtum feiert und “Na und?” sagt, wenn die Sprache auf den Tod kommt.

Memento Moris auf Postkarten sind bloß ein weiterer Schritt in dieselbe Richtung. Hier wird das Vanitasmotiv einfach umgedreht: Nicht das Leben ist bloßer Schein, sondern der Totenschädel, den man im Bild erkennen kann. Das Liebespaar ist die Wirklichkeit. Was zuerst gruselig wirkt, ist gar nicht wirklich da. Und so funktionieren auch die Totencafés und Horrorromane und –stücke der Epoche: Der Grusel, das Furchtbare, ist nicht real. Einer der wohl berühmtesten Gedichtbände der frühen Belle Époque, Baudelaires „Fleurs du Mal“, setzt sich ausführlich und kritisch mit den alten Vanitasmotiven auseinander und ist stilgebend für die folgende Epoche: Die Ästhetik des Hässlichen, Unheimlichen, Furchtbaren entsteht. Ein Symbol, mit dem auch Oscar Wilde in „Das Bildnis des Dorian Gray“ spielt.

Noch immer setzten sich die Menschen natürlich auch kritisch mit dem Tod und dem Sterben auseinander, doch die eigentliche Bedeutung des Vanitas hatte einen fast zynischen Beigeschmack bekommen und besonders die religiöse Komponente war fast komplett weggefallen. Dies ist eine Einstellung zum Tod, die wir heute in anderer Form auch noch kennen: Wenn wir ins Kino gehen und einen Gruselfilm ansehen, gruseln wir uns vielleicht wirklich, doch sobald der Film vorbei ist siegen wir doch: Denn der Film ist nur Schein, nicht die Wirklichkeit.

Memento Vivere: Der Tod als Ausdruck von Zeitgeist

Detail aus “Totentanz” von Max Slevogt, 1896

Die Menschen des fin de siècle erschufen unter anderem auch eine Romantisierung des Todes, die es zuvor nicht gegeben hatte. Sie gaben ihm etwas Dramatisches, Theatralisches, dass die vorangegangenen Epochen noch nicht mit ihm in Verbindung gebracht hatten: Die Tuberkulose, das langsame Dahinsiechen, war die „Modekrankheit“ für fragile, empfindsame Künstler. Das Sterben an sich wird zu etwas tragisch Schönem: Der eine letzte Schritt in eine völlig ungewisse Zukunft, die letzte große Reise. Auch das hängt zusammen mit der dekadenten Ästhetikbewegung der Ära: Man suchte nach dem Schönen im Schrecklichen, man wollte einerseits provozieren, andererseits hatte die Menschen des fin de siècle aber auch einfach eine gewisse Ennui erfasst: Das 19. Jahrhundert ist geprägt von Fortschritt und Idealismus und zum Ende des Jahrhunderts waren viele Künstler, besonders in Frankreich und Großbritannien, dessen müde.

“Die moderne Gesellschaft wird ohne Ende erschüttert von einer nervösen Reizbarkeit. Wir haben von Fortschritt, Industrie und Wissenschaft genug.” | Émile Zola, 1896

So wird auch der Tod in Darstellungen von Dekadenz und dem goldenen Rausch der letzten Jahre des 19. Jahrhunderts als gleichzeitig erschreckend und schön gezeigt, zum Beispiel im Gemälde “Totentanz” von Max Slevogt. Auf den ersten Blick erinnert nur der Titel an die mittelalterlichen Danse Macabres: Eine ausgelassene, junge Frau zieht einen schwer erkennbaren maskierten Mann hinter sich her. Das Symbol Tod ist hier nicht ganz so eindeutig, wie zum Beispiel bei “Der Tod und das Mädchen” von 1888 im Beitragsbild oder bei Böcklin, aber der maskierte Mann wirkt unheimlich und schwammig im Gegensatz zu der jungen Frau und je länger man hinsieht, umso unheimlicher wird er, passt nicht zum goldenen Glanz um sie herum. Leben und Tod sind genauso ein Gegensatz, wie der Zeitgeist des fin de siècle, in dem dekadente Vergnügungssucht auf eine pessimistische Zukunftsvision und Weltuntergangsstimmung trifft.

Man darf es sich jetzt aber nicht so vorstellen, als hätten die Viktorianer sich über den Tod lustig machen wollen. Viel eher ist dieser neue sarkastische Vanitas, der die Kunst und den Triumph des Lebens über die Thematiken Tod, Vergänglichkeit und Scheitern stellt, einfach eine weitere, durchaus positive Verarbeitung der Thematik Tod. Wo die Menschen im Mittelalter und in der frühen Neuzeit sagten: „Denk daran, dass es egal ist, wer du bist und was du tust, am Ende verlierst du trotzdem!“, machten die Menschen der Belle Époque diese alten, deprimierenden Vanitasgedanken zu etwas Hoffnungsvollerem: Das Leben hatte seinen Wert, obwohl man irgendwann starb. Der Tod wurde nicht weiter als Scheitern angesehen, sondern als Ende der einen Reise und als Übergang zur nächsten.

Und dieser positive Gedanke war es, der dem Tod all seinen Schrecken nahm, ihn zu etwas machte, mit dem die Menschen sich durchaus kritisch, aber gern auseinandersetzten und mit dem sie auf für das fin de siècle ganz typische sarkastisch-melodramatische Weise umgingen. Und unter diesem Gesichtspunkt sind die Todesdarstellungen der Belle Époque und der spätviktorianischen Zeit viel weniger makaber, als sie auf den ersten Blick erscheinen. Sie sind nichts weiter als der endgültige Triumph über den Vanitasgedanken. Ich habe auch schon gehört, dass manche Leute davon sprechen, dass das Ende des neunzehnten Jahrhunderts das klassische Memento Mori zum Memento Vivere (dt. Denk daran, dass du lebst) macht und das finde ich ein passendes Schlusswort.


Beitragsbild: “Der Tod und das Mädchen”, Richard Bergh, 1888


Selbst nachlesen?

Ariès, Phillipe: Geschichte des Todes. 1982.

Curl, James Stephen: The Victorian Celebration of Death. 2000.

Mark, Sandy: Romanticism, Memory and Mourning. 2013.

Kiening, Christian: Das andere Selbst. Figuren des Todes an der Schwelle zur Neuzeit. 2003.

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