Fanny, Stella & die viktorianische Gesellschaft

Vor einem knappen Jahr habe ich bereits einmal Queerness im viktorianischen Zeitalter umrissen und euch den Cleveland-Street-Skandal näher gebracht. Dass das Thema längst nicht komplett behandelt ist, dürfte niemanden wundern. Heute möchte ich über Fanny und Stella sprechen, zwei junge Menschen, die den allerersten Skandal zum Thema Queerness auslösten und den Stein somit in den 1870ern unfreiwillig ins Rollen brachten. Die Geschichte von Fanny und Stella und die daraus entstandenen Entwicklungen sind so spannend wie tragisch und sollten jedem, der das viktorianische London interessant findet, ein Begriff sein.

Doch wer versteckt sich überhaupt hinter diesen beiden Namen? Bei Stella handelt es sich um Thomas Ernest Boulton, den Sohn* eines Börsenmarklers. Es ist überliefert, dass Ernest den Spitznamen Stella schon als Kind innehatte. Er fand schon immer großen Spaß daran, sich als die die Frauen in seiner Umgebung zu verkleiden und sie zu imitieren. Seine Mutter fand Ernests Schauspiel lustig und ermutigte ihn sogar dazu, weitere Vorstellungen zu geben. Frederick Park hingegen war Lehrling bei einem Anwalt in London, als er auf Ernest traf. Die beiden wurden bald darauf Freunde und gründeten eine Zwei-Mann-Theatergruppe, mit der sie in London zu einiger Bekanntheit gelangten.

Fanny und Stella – Von der Bühne vor Gericht 

Links: Fanny Park, fotografiert von Frederick Spalding, 1869 | Mitte: Stella Boulton, fotografiert von Oliver Sarony, 1868 | Rechts: Frederick Park, stehend, Ernest Boulton, kniend, und Lord Arthur Pelham-Clinton, ca. 1870

Wer schon einmal etwas vom Fall Fanny und Stella gehört hat, weiß meistens bloß, dass es sich um zwei junge Männer handelte, die wegen ihrer Liebe zu Frauenkleidern vor Gericht landeten. Doch das stimmt so nicht. Viel eher steckt hinter dem Niedergang von Park und Boulton ein gesellschaftlicher Wandel, eine geheime Mission der Londoner Polizei und eine Moralvorstellung, die längst überholt sein sollte, es jedoch immer noch nicht ist. Denn Ernest Boulton und Frederick Park wurde nicht ihr Auftreten als junge Frauen zum Verhängnis, sondern viel mehr ihr sozialer Hintergrund und der neue, spätviktorianische Umgang mit Queerness und allem, das anders war. Denn mehr oder weniger überraschenderweise feierten die beiden mit ihrem Crossing-Dressing-Programm einige Erfolge auf den Londoner Bühnen der 1860er.

Stella Boulton wurde bald zur Ikone der Travestie und galt als natürliche Schönheit und gute Sängerin, doch beide gemeinsam erhielten bald viele Einladungen zu Dinners und sogar zu Aufenthalten in Landhäusern wohlhabender Londoner, wo sie nicht selten auf Wunsch der Gastgeber in ihrer weiblichen Bühnenkleidung erschienen. Sogar auf Postkarten waren die beiden zu sehen, auch noch nach dem großen Skandal, wie die New Yorker Carte Cabinet weiter unten von 1875 zeigt.

Obwohl Park und Boulton als Fanny und Stella sehr beliebt waren, gab es einige, die das Bühnenprogramm als ordinär und unmoralisch empfanden und von Ernest und Frederick nichts wissen wollten. So zum Beispiel der Direktor des Alhambra in London, der Fanny und Stella mehrmals aus seinem Theater fortschickte. Die beiden müssen jedoch sehr androgyn gewesen sein: Hugh Alexander Mundell, der später ebenfalls angeklagt wurde, hielt Ernest und Frederick selbst in männlicher Kleidung für Frauen. Einer Anekdote nach gab er den beiden Tipps, wie sie noch männlicher wirken könnten und wollte partout nicht glauben, dass es sich tatsächlich um Männer handelte, obwohl die beiden es ihm immer wieder versicherten.

Selbst die Presse schrieb gute Kritiken. Das ist jedoch auch kein Wunder, denn cross-dressing, also das Tragen von Kleidern, die nach gesellschaftlichen Normen einem anderen Geschlecht zuzuordnen sind, war ein beliebter Bestandteil von viktorianischen Burlesquen. Hier konnte man junge Frauen in Männerkleidung bewundern und Männer in typisch weiblicher Kleidung. Ein Spaß für arm und reich (/Sarkasmus).

Park und Boulton waren in London jedoch auch privat nicht nur in Männerkleidung unterwegs und hier ist der Knackpunkt versteckt. Viele Theaterleute kannten die beiden privat tatsächlich als Männer und als Frauen und hin und wieder sorgten sie für ein wenig Ärger – einmal wurden sie sogar beinahe verhaftet, weil die Polizei sie für Frauen in Männerkleidung hielt, was abseits der Theaterbühnen genauso verboten war, wie Männer in Frauenkleidern. Als Fanny und Stella waren die beiden zudem nicht für ihr damenhaftes Verhalten bekannt, was ihnen im April 1870 zum Verhängnis wurde.

Ein Prozess wie kein anderer 

Links: Fanny und Stella verlassen die Bow Street, zeitgenössische Zeitungsillustration, The Illustrated Police News, 9. April 1870 | Rechts: Ernest Boulton nach dem Skandal, Carde Cabinet, New York 1875, Foto von Napoleon Sarony

An diesem Abend sorgten zwei gut, aber extravagant gekleidete Damen im Strand Theatre für Aufruhr: Sie waren betrunken, lehnten sich über das Geländer, benahmen sich wie Straßenmädchen und flirteten wild mit den anwesenden Männern. Auf ihrem Weg nach draußen wurden sie festgenommen. Ernest und Frederick waren das bereits gewohnt, schließlich benahmen sie sich auch sonst nicht wie anständige junge Damen, doch beiden war nicht bewusst, dass hinter dieser Verhaftung viel mehr stand als die gesellschaftliche Ablehnung gegenüber zwei ausgelassenen jungen Frauen.

Die Londoner Polizei hatte die beiden bereits seit einiger Zeit im Visier: Privatdetektive beschatteten sie nicht nur als Fanny und Stella, sondern auch als Ernest und Frederick, wussten von ihren Treffen mit anderen jungen Männern und verdächtigten die beiden homosexueller Handlungen und dem “Verführen” junger Männer zu selbigen. Im Jahr 1870 waren homosexuelle Handlungen nicht mehr mit dem Tod bestrafbar (Die Todestrafe wurde jedoch erst 1861 abgeschafft), doch Sex zwischen zwei Männern oder männlichen gelesenen Personen, in Großbritannien unter “Buggery” gefasst, war weiterhin strafbar. Wir befinden uns in der rechtlich unsicheren Phase zwischen 1861 und dem Criminal Law Amendment Act von 1885, der alle homosexuellen Handlungen strafbar machte.

Über Nacht lockte der Fall nicht nur sensationslüsterne Journalisten unter ihren Steinen hervor, auch die Bevölkerung hatte von den beiden “Männern in Frauenkleidern” gehört und sich vor der Bow Street versammelt um zuzusehen, wie die beiden Übeltäter aus dem Gebäude geführt wurden. Und hier sind wir auch schon beim wahren Übeltäter im Fall Fanny und Stella: Der Presse. Für die Viktorianer, deren gesamte Gesellschaft auf strengen Rollenbildern fußte und für die jede Abweichung von der Norm einem Verbrechen gleichkam, waren die beiden ein gefundenes Fressen. Sie berichteten in den schrillsten Farben von der Garderobe der beiden Schauspieler und ließen keine Details aus, bis auch der letzte Londoner von den “Jungen in Frauenkleidern” gehört hatte. Das späte neunzehnte Jahrhundert ist in England geprägt von Moralpanik und Reinheitsbewegungen und die Bevölkerung protestierte: Denn Männer, die sich weiblich gaben und Kleider anstatt Hosen trugen gingen gegen alles, was dem moralisch korrekten Viktorianer mit weißer Weste (nach außen hin jedenfalls) heilig war.

Der Fall um Fanny und Stella ist der erste in einer langen Reihe solcher Fälle, der Beginn des Zeitalters von Moralpaniken, der Angst vor gesellschaftlichem Verfall und zwei Extremen: Der blütenreinen, in ihren Geschlechterrollen gefestigten Welt der oberen Schichten und dem, was hinter verschlossenen Türen geschah, der sogenannten Unterwelt des viktorianischen Londons, dem angeblich Verwerflichen und Schändlichen. Als Ernest Boulton und Frederick Park dann auch noch vorgeworfen wurde, untereinander und mit anderen Männern homosexueller Handlungen schuldig zu sein, war der Skandal des Jahrzehnts komplett. Erst im Jahr 1861 war die Todesstrafe auf homosexuelle Handlungen abgeschafft wurden, doch die wirkliche Verteufelung und Unterdrückung Homosexueller sollte erst noch folgen. Das große öffentliche Interesse am Fall Boulton und Park legte den Grundstein für viel tiefer greifende Diskriminierung, die bis heute nachhallt.

Nachspiel und Bedeutung des Falls 

Nicht nur Ernest und Frederick wurden verhaftet, sondern auch eine Reihe anderer Männer, unter ihnen das Parlamentsmitglied Lord Arthur Pelham-Clinton, der jedoch kurz vor dem Prozess im Alter von nur 30 Jahren verstarb. Angeblich an einer Krankheit, doch wahrscheinlicher ist Selbstmord um dem Zorn und der Stigmatisierung durch die Gesellschaft zu entgehen. Schließlich hatte Stella eine Zeit lang als Lady Arthur Clinton mit Clinton zusammengelebt. Die Details, die weiterhin von der Presse vertrieben wurden, schockierten und begeisterten die Menschen, wie wir es uns heute bloß noch schwer vorstellen können. Das “Andere” übte eine Faszination auf die Menschen aus und gleichzeitig fanden sie es abstoßend. Eine explosive Mischung, die nie zu etwas Gutem führt.

Interessant ist, dass die Eltern der beiden im Gerichtssaal zu ihren Söhnen standen: Boultons Mutter rührte die Anwesenden mit Lobeshymnen auf Ernest und mit der Aussage, sie wollte immer bloß, dass Ernest einen netten Mann findet. Und auch Parks Vater sprach sich für seinen Sohn aus. Am Ende schnitt sich die Londoner Polizei ins eigene Fleisch: Die Queerness der beiden Angeklagten hätte bei der Beweislage leicht zu einer Verhaftung führen können, doch durch die Beschattung und den Umstand, dass der Fokus des Falls auf Parks und Boultons Auftritten in Kleidern lag, fand man den Fall bald eher albern als skandalös und beide Männer wurden freigesprochen. Andere, spätere Opfer von Anklagen wegen “gross indecency” (dt. schwerwiegende Unzucht) hatten nicht so viel Glück: Die Strafe war zwar nicht mehr der Tod, doch viele Männer wurden zu harter Arbeit verurteilt und verloren dabei ihr Leben.

Gender Identity: Wer sind Fanny und Stella?

Da die Quellenlage nicht ideal ist, ist heute schwer zu sagen, wie sich Fanny und Stella selbst verstanden haben könnten. Waren sie nach modernem Verständnis trans Frauen? Waren sie nichtbinär oder genderqueer? Waren sie am Ende queere cis Männer? Ich persönlich würde zumindest für Ernest aka Stella Boulton zur Genderqueerness tendieren, denn während er durchaus auch als Frau lebte, zum Beispiel als Lady Arthur Clinton und Lebensgefährtin von Sir Arthur Pelham-Clinton, trat er auch privat öfter in Männerkleidung auf und nannte sich selbst einen Mann. Da aber eben richtige Quellen fehlen und wir Agency und Selbstverständnis von Boulton und Park nicht kennen, bleibt eine klare Zuweisung moderner Labels in jedem Fall schwer.

Hinzu kommen die komplizierten und schlecht belegten Konzepte der Viktorianer von Queerness und trans Identität. Diese Konzepte existierten, sie sind aber wenig dokumentiert, da sie aus Angst vor Diskriminierung und Verfolgung im Geheimen entstanden. Klar ist jedoch, dass Fanny und Stella für ihre Zeitgenossen bald als homosexuelle Ikonen galten. In The Sins of the Cities of the Plain von 1881, einem damals sehr bekannten pornographischen Werk, tauchen Fanny und Stella als Figuren auf, die mit Lord Arthur Clinton im Schlepptau durch London ziehen.

Wie bereits angedeutet veränderte der Fall und der Umgang von Polizei und Presse mit dem Fall die gesellschaftliche Sicht auf Queerness – leider nicht zum Guten. Sexualität als Identität, nicht nur als sexuelle Handlung, entwickelte sich langsam. Zuvor war “homosexuell” etwas, dass man tun konnte, nicht aber etwas, das man sein konnte. Damit einher ging die Stigmatisierung und systematische Unterdrückung von queeren Männern. Es folgten der Skandal in der Cleveland Street und der Fall Oscar Wilde, beides begleitet von Sensationslüsternheit und Moralpanik in Presse und Gesellschaft.

Die Viktorianer sahen ihre Gesellschaft, die doch so sehr auf starrer Moral, strengen Geschlechterrollen und Etikette beruhte, gegen Ende des 19. Jahrhunderts kurz vor dem Zusammenbruch. Ein Zeitgeist, der bis heute nachhallt: Die in dieser Zeit gebildeten Klischees und Anschuldigungen gegen queere Menschen, die Unterdrückung und die Ablehnung von allem, das nicht der Norm entspricht, sind auch 2014 noch stark spürbar. Nicht nur im Verhalten einzelner Menschen, sondern im System verankert.

Nach ihrem Freispruch gingen Frederick und Ernest übrigens nach New York, wo beide unter anderem Namen weiterhin als Cross-Dresser auftraten. Ernest Boulton war sehr erfolgreich und wurde das neue Gesicht des “glamour drag”, während Frederick Park weniger Erfolg erfuhr und im Alter von bloß 33 Jahren verstarb. Die Bedeutung der beiden für die Geschichte der LGBTQ-Community und den sozialen Wandel des späten viktorianischen Englands ist immens, obwohl der Fall trotz des großen Medieninteresses damals bald in Vergessenheit geriet.


Beitragsbild: Fanny und Stella, 1869


* Leider ist für Fanny und Stella nicht überliefert, ob sie sich selbst als Männer, als Frauen oder sogar als nichtbinär wahrnahmen. Beide traten jedoch als Männer und als Frauen auf und nutzten auch weiterhin ihre Geburtsnamen und männlichen Pronomen, wenn sie in Männerkleidung auftraten. Deshalb nutze ich in diesem Artikel ebenfalls männliche Pronomen, obwohl ich mir unsicher bin, inwieweit das aus heutiger Sicht zutrifft, da beide die Selbstbezeichnung als Männer nicht ablehnten.


Selbst nachlesen? 

McKenna, Neil: Fanny & Stella. The Young Men Who Shocked Victorian England. 2013.

Dieses Buch ist mit Vorsicht zu genießen. McKenna schreibt sehr popwissenschaftlich und bauscht den Fall und besonders Fanny und Stellas queere Identität auch stark auf. Dazu kommt sein sehr cis-normativer Blick auf die beiden, die Hintergrundinformationen sind trotzdem interessant.

Fern Riddell | Transgender Victorians: Do Clothes Make the Man?

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