Geld im viktorianischen England

Heute soll es noch einmal um ein Thema gehen, dass sich jemand gewünscht hat: Die Währung und den Umgang mit Geld im viktorianischen England. Die englische Währung der viktorianischen Jahre war, genau wie heute auch noch, Pound Sterling, das berühmte englische Pfund. Doch es gab viel mehr Münzen als heute, schließlich geschah die Umstellung auf das Dezimalsystem erst 1971 und Geld sah auch noch etwas anders aus, als wir es heute gewohnt sind.

Ich möchte euch heute nicht bloß die Währung des neunzehnten Jahrhunderts erklären, sondern auch ein wenig etwas zum Wert der Dinge erzählen. Was waren verschiedene Güter wert und wie viel kosteten Kleidung, Lebensmittel und andere notwendige Dinge? Und wie viel wert war ein Pfund im Vergleich zum heutigen Wert des Geldes? In sehr vielen historischen Romanen wird nämlich genau das falsch gemacht, da kostet eine Fahrt mit dem Bus plötzlich ganze zwei Pfund. Ein Fehler, der klein aussieht, aber genau deshalb vermieden werden kann und sollte.

Münzgeld – Mit was bezahlt man im viktorianischen Zeitalter?

Victoria auf zwei Münzen: Links: Farthing von 1867 | Rechts: Half-Crown von 1894, Fotos: Jerry “Woody”

Grob gesagt wurde Geld in drei Kategorien eingeteilt: Pfund, Schilling (auch sehr oft einfach Bob genannt) und Penny. Den größten Wert hatte natürlich das Pfund, das aus 20 Schilling bestand. Ein Schilling hingegen bestand aus 12 Pennys. Demnach ergaben 240 Pennys ein Pfund. So weit, so verständlich? Leider wird es komplizierter: Besieht man sich bei der Recherche danach, was die Dinge gekostet haben, eine viktorianische Quittung stößt man nun nämlich auf Abkürzungen, die einem vielleicht nicht ganz deutlich sind. Da kostet etwas vielleicht £2/9/3d. Das sieht erst einmal verwirrend aus, aber keine Angst, so schwer ist das gar nicht.

Das Pfundsymbol, £, erkennt man sicherlich sofort, denn es sieht heute noch genauso aus. Es steht ganz vorn und bezieht sich auf die 2. Zwei Pfund kostet also unser Gegenstand, aber damit ist es noch nicht getan. Die nicht weiter betitelte 9 dahinter steht ganz einfach für die Anzahl der Schillinge. Manchmal findet sich hier auch die Abkürzung s., also 9s., doch oft wird für die Schillinge einfach nur die Zahl hingeschrieben. Danach folgen noch, mit d. – für das lateinische denarius, eine römische Münzform – abgekürzt, die Pennys. Der Gegenstand kostet also zwei Pfund, neun Schillinge und drei Pennys. Das war jetzt gar nicht so schwer – aber natürlich geht es noch weiter. Es gab nämlich nicht bloß drei Geldstücke.

Beginnen wir von vorn: Die Münze mit dem höchsten Wert war die Guinnea, die genau einundzwanzig Schillinge wert war. Danach kam der Sovereign aus richtigem Gold. Man könnte ihn auch Ein-Pfund-Stück nennen, denn genau so viel war er wert. Sovereign ist jedoch der offizielle Name, der auch benutzt wurde. Der Half-Sovereign, auch aus Gold, ist genau ein halbes Pfund, also 10 Schillinge wert. 5 Schillinge wert ist eine Crown aus Silber. Eine Half-Crown gibt es auch, die natürlich genau zweieinhalb Schillinge wert ist. Darauf folgt der Florin. Sein Wert betrug 2 Schilling. Einen Schilling wert war ein Geldstück mit genau diesem Namen: Der berühmte Shilling. Das nächste Geldstück ist Sixpence, dessen Wert natürlich sechs Pennys beträgt. Der Groat ist vier Penny wert. Threepence und Twopence folgen und sind natürlich drei und zwei Pennys wert. Der Penny ist, wie könnte es anders sein, einen Penny wert.

All diese Namen, Guinnea und Sixpence, hat man schon einmal gehört, doch jetzt wisst ihr auch ihren Wert und die Reihenfolge ihres Werts. Nun haben wir also zwölf Münzen in der Hand, doch damit ist es leider nicht getan. Es gibt noch drei weitere Münzen: Halfpenny war natürlich einen halben Penny wert. Der berühmte Farthing hat den Wert eines Viertel-Pennys. Und nun gibt es noch den Half-Farthing, der bloß den Achtel eines Pennys wert ist. Nun mögen sich einige fragen, wieso brauchen wir einen Half-Farthing? Was ist denn so günstig, dass man bloß 0.125 Pennys dafür bezahlen muss?

Aber das gab es tatsächlich. Heute mag ein Pfund ein sehr kleiner Betrag sein, für den man sich vielleicht ein Paket Kaugummis leisten kann, doch bis weit ins zwanzigste Jahrhundert war ein Pfund ein kleines Vermögen, das niemand einfach so mit sich herum trug. Der Half-Farthing war also gar nicht so wenig wert, wie es jetzt aussehen mag, sondern nötig, um die im Zahlenwert niedrigen, aber dennoch im Geldwert hohen Summen zu bezahlen. Ein Pfund hatte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Kaufkraft von rund 80 Pfund im Jahr 2017 – ein Arbeiter im Jahr 1850 brauchte fünf Tage, um sich ein Pfund zu erarbeiten, 1890, als die Löhne durch Sozialreformen langsam höher wurden, nur noch drei Tage.

Wichtig ist, dass die Guinea im Verlauf des neunzehnten Jahrhunderts aus dem Geldkreislauf verschwand, da sie ab 1813 nicht mehr hergestellt wurde. Dafür gibt es den Florin erst ab 1849. Und ab 1860 waren kleinere Geldstücke nicht mehr aus Kupfer, sondern aus Bronze. Die goldenen, silbernen und bronzenen Geldstücke zeigten meist das Profil des momentanen Regenten, also Queen Victoria im 19. Jahrhundert, wie ihr es oben auf zwei Geldstücken sehen könnt. Da altes Geld natürlich nicht aus dem Verkehr gezogen wurde, wenn es einen Regentenwechsel gab, bezahlte man jedoch bis weit ins 19. Jahrhundert auch noch mit Münzen, auf denen Victorias Vorgänger, William IV. und George IV., abgebildet waren. Im Jahr 1875 konnte man also gut und gerne eine junge und eine ältere Victoria im Geldbeutel haben und vielleicht sogar noch einen William.

Die Geschichte des Papiergeldes

Zehn-Pfund-Banknote vom 24. Januar 1888

Aus dem teils bereits sehr hohen Wert des Münzgeldes lässt sich schließen, dass nicht wie heute jeder Papiergeld mit sich herum trug, denn der Fünf-Pfund-Schein, der heute oft nicht einmal ein Taschenbuch kaufen kann, war ganze 310 moderne Pfund wert. Doch Papiergeld existierte natürlich trotzdem bereits, auch, wenn es ganz anders funktionierte, als heute. Oben könnt ihr einen Zehn-Pfund-Schein von 1888 sehen. Ein richtiges Vermögen! Diese Scheine waren nicht bloß sehr groß, sondern auch sehr dünn und nicht so einfach zu händeln wie moderne Geldscheine. Es gab für Kleingeld kleine Beutel, aber auch bereits Brieftaschen, in denen die Geldscheine gefaltet transportiert werden konnten.

Bis ins zwanzigste Jahrhundert sahen britische Geldscheine übrigens genau so aus, wie das obige Exemplar. Der Wert des Geldes ist hier viel einfacher zu bestimmen als bei Münzen, denn natürlich steht der Wert auf jedem Schein groß drauf. Es gab Scheine im Wert von einem Pfund, fünf Pfund, zehn und zwanzig Pfund bis hoch zum größten Wert, dem Tausend-Pfund-Schein. Ihr könnt euch vorstellen, welch ein Vermögen so ein Schein war, wenn bereits ein Pfund eine große Menge Geld war. Tausend-Pfund-Scheine werden sehr selten gewesen sein, denn niemand trug einfach so riesige Mengen von Geld mit sich herum. Schließlich waren Taschendiebe überall anzutreffen und in London lief man immer Gefahr das gute Geld an einen Dieb zu verlieren.

Doch wie funktionierte das Papiergeld? Wissenswert ist, dass die Scheine erst ab 1853 mit der gültigmachenden Unterschrift gedruckt wurden. Davor wurde jeder Geldschein in der Bank, in der er ausgezahlt wurde, von Hand unterschrieben, weshalb Geldscheine sehr oft nicht angenommen wurden, schließlich konnte man sich nie sicher sein, ob die Unterschrift tatsächlich von einem Bankangestellten stammte, oder doch eher gefälscht war. Durch die gedruckte Unterschrift wurde Papiergeld in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts sicherer und daher auch öfter genutzt. Genannt wurden Geldscheine übrigens großteils “quid”, ein Slang, der bis heute in England für Geld benutzt wird (“I need forty quid” hat ungefähr die Bedeutung von “Ich brauche vierzig Mäuse”).

Geldscheine funktionierten also ein bisschen wie Schecks: Sie waren ohne Unterschrift wertloses Papier. Papiergeld trug jedoch an sich kaum jemand mit sich herum. Der Großteil der viktorianischen Bevölkerung hielt sogar niemals einen goldenen Sovereign in der Hand. Wenn die Menschen überhaupt so viel Geld hatten, dann in kleinen Münzen, so wie sie sie über die Woche hinweg verdient hatten. Ein reicher Viktorianer hingegen hatte seine Geldscheine in einer Bank untergebracht und trug bei sich bloß Münzgeld, wenn überhaupt, denn:

Sehr beliebt für reiche Menschen war es, auf Kredit zu leben. Man ging in einen Laden, nahm mit, was man haben wollte und benutzte seinen guten Namen als Bezahlung. Das funktionierte natürlich nur für Leute aus angesehenen, bekannten Familien oder bei jungen Männern, von denen man wusste, dass sie in Kürze ein Vermögen erben würden. Der Ruf eilte den Menschen hier voraus und ein guter Ruf und respektables Auftreten waren besonders vor 1853 beinahe mehr wert, als Papiergeld, das schließlich oft aus Sicherheitsgründen nicht angenommen wurde.  Es galt für vornehme Menschen sogar als ordinär und gewöhnlich mit richtigem Geld zu bezahlen. Auf Kredit zu leben war ein Anzeichen von Ehre, hohem Stand und einem guten Ruf, schließlich gehörte einiges an Vertrauen dazu jemanden beim Wort zu nehmen und ihm Kredit zu gewähren. Man beglich die Rechnung dann einmal im Monat oder sogar in größeren Abständen.

Auch ein reicher Viktorianer trug also meist bloß wenig Geld bei sich, da er alles, was ihm gefiel eh auf Kredit erstehen konnte und so nicht in Gefahr lief, viel Geld an einen Dieb zu verlieren. Mehr als ein paar Schilling und Pennys, vielleicht sogar bloß Pennys, trugen weder arme Viktorianer, die ihren ganzen Besitz in der Tasche hatten, noch reiche Viktorianer mit sich herum.

Der Preis der Welt – Geld und Leben im viktorianischen Zeitalter

“Der Hutladen” von Henry Tonks, 1892 | Eine junge, wohlhabende Frau probiert in einem Hutladen Hüte an – doch wie viel hätte so ein Hut gekostet?

In der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts verdiente ein gewöhnlicher Arbeiter ungefähr zwischen 10 – 20 Schillingen, also höchstens ein Pfund, in der Woche. Ein Polizist der Metropolitan Police bekam sogar bloß 16 Schillinge in der Woche und ein Bediensteter im Haus, der ja Essen und Unterkunft gestellt bekam, bekam sogar im ganzen Jahr bloß 10 Pfund ausgezahlt. Ein angehöriger der Mittelschicht konnte als Bankangestellter hingegen von 50 bis zu 500 Pfund im Jahr verdienen, da kam es ganz darauf an, wo er angestellt war und was seine gesellschaftliche Stellung war. Wer in einem Laden angestellt war bekam knapp 30 Pfund im Jahr, eine Lehrerin 75 Pfund.

Schlüsseln wir kurz auf, was Miete, Essen und Kleidung einen Arbeiter und einen reichen Viktorianer in der Woche kostete und was überhaupt von wem gekauft wurde. Hierbei ist natürlich unbedingt wichtig zu bedenken, zu welcher Zeit wir uns befinden: Ein Arbeiter im Jahr 1850 wird etwas ganz anderes verdient haben, als ein Arbeiter um 1900, da sich der Wert des Geldes, genau wie heute, immer wieder mehr oder weniger geringfügig verändert hat und vor allem Reformen und Gesetze in Kraft traten, die zu Lohnerhöhungen führten. Hierzu gibt es allerdings einige Listen, sogar im Internet, die weiterhelfen können. Meine Werte stammen aus dem späten neunzehnten Jahrhundert.

Bei den Mietpreisen ist wichtig, dass kaum jemand ein eigenes Haus besaß. Auch reiche Londoner mieteten ihre Häuser meistens und zahlten für ein möbeliertes Haus in einer guten Gegend zwischen 5 und 8 Pfund Miete in der Woche. Hierbei kam es darauf an, wie angesehen die Gegend war, in der das Haus stand und ob es sich um ein großes Haus handelte, oder bloß um eine geräumige, elegante Wohnung. Jemand aus der Mittelklasse zahlte für eine Wohnung mit Salon und Wohnraum in einer guten Gegend knapp 2 Pfund in der Woche. Ein Zimmer in Soho für einen ärmeren Londoner kostete hingegen bloß sechs Schillinge. Ein Arbeiter mit großer Familie zahlte für ein entsprechendes Haus in einer Arbeitergegend – meist am Stadtrand, denn zentral gelegene Wohnungen waren teurer – bereits zwischen 8 und 11 seiner 20 Schillinge die Woche für die Miete.

Ich gebe diese Beispiele bloß als kleinen Anhaltspunkt, damit ihr eine Übersicht darüber bekommt, wie viel Geld um 1890 ungefähr wert war. Genauere Auskunft geben Bücher wie “Life in West London” von Lord Arthur Sherwell von 1897. Solche Bücher und Übersichten gibt es zu fast jedem Jahrzehnt des viktorianischen Zeitalters.

Unser Arbeiter vom Anfang behält, nachdem er für sein Haus in der Arbeitergegend am Stadtrand bereits zehn Schilling bezahlt hat, noch genau zehn Schilling für Lebensmittel für eine ganze Woche zurück. Für Brot bezahlt er bereits drei weitere Schilling, Gemüse und Fleisch würden ihn je 2 weitere Schilling kosten. In Arbeiterfamilien arbeitete daher nicht bloß der Mann, sondern auch Frau und meist Kinder, denn wie ihr an den Preisen seht, kann sich die Familie sonst auch, wenn sie auf Fleisch verzichtet, kaum genug Essen für die Woche leisten. Hinzu kommen die Preise von Heizkohle, alltägliche Dinge wie Seife und das ein oder andere neue Kleidungsstück, wenn etwas kaputt ging, Öl oder Kartoffeln. Ein alleinstehender Arbeiter oder Handwerker würde wohl eher ein einzelnes Zimmer für knapp 3-5 Schilling die Woche mieten, um alles bezahlen zu können.

Ein Blick in die gute Stube – Wie lebt der reiche Viktorianer? 

Dante Gabriel Rossetti in seinem Salon, gemalt von Henry Treffry Dunn, 1882 | Rossetti gehörte dem gehobenen Bürgertum an und lebte in Chelsea, einem gehobenen Stadtteil Londons. Die Miete wird nicht günstig gewesen sein.

Doch auch in der gehobenen Mittelklasse, die ein Jahresbudget von 250 bis 500 Pfund zur Verfügung hatte, wollen wir kurz schauen, was das Leben kostet. Wichtig ist, dass sich eine reichere Familie natürlich viel bessere und reichhaltigere Nahrungsmittel leisten konnte, als eine Arbeiterfamilie. Gewürze, Tee, Zucker, Fisch und Kleidung im Wert von 15 Pfund pro Person im Jahr waren möglich. Im Jahr wurden für den Haushalt bei Mann, Frau und drei Kindern nach Lord Arthur Sherwell zwischen 130 und 150 Pfund ausgegeben. Für Tee und Kaffee zum Beispiel zahlte man pro Woche bis zu 3 Schilling, für einen Wochenbedarf an gutem Fleisch aus der Metzgerei sogar 10 Schillinge.

Für die Ausbildung der Kinder wurden im Jahr ganze 10 Pfund ausgegeben und hatte man ein Hausmädchen, bekam es zwischen 10 bis 16 Pfund im Jahr. Die meisten Familien der Mittelschicht konnten sehr bequem leben, sich einigen Luxus erlauben und behielten trotzdem um die 20 Pfund im Jahr zurück – in Relation zu den Preisen ein Vermögen, das angelegt oder gespart werden konnte. Um das vielleicht noch etwas deutlicher zu machen: Der Herr der Mittelklasse gab im Jahr rund 15 Pfund für gute Kleidung aus. Ein Mantel kostete etwas über ein Pfund, ein guter Anzug zwei Pfund, ein Hemd bekam man bereits für drei Schillinge und einen Kragen für bloß fünf Pennys. Es war dem Herrn also möglich, sich jedes Jahr aufs Neue gut und modisch einzukleiden, während die Arbeiterfamilie sicherlich bloß neue Kleidung gekauft hat, wenn es unbedingt sein musste.

Die Tabellen von Lord Arthur Sherwell gehen jedoch noch einen Schritt nach oben und zeigen uns den Verbrauch einer Familie, die im Jahr rund 1000 Pfund zur Verfügung hat, mit mehreren Angestellten, einem Kutscher und zwei Pferden. Wir sind also in der Oberschicht endgültig angelangt. Hier werden für den gesamten Haushalt in der Woche zwischen 17 und 20 Schilling, also das gesamte Wochengehalt eines Arbeiters, bloß für Brot, Fisch und Fleisch ausgegeben. Im Jahr zahlt eine solche Familie für ihre Lebensmittel inklusive Tee, Zucker, Gewürze und anderer Luxusgüter rund 265 Pfund, also mehr, als die bereits sehr gut lebende Familie aus der Mittelschicht für die gesamten Ausgaben zur Verfügung hat.

Für ihre Kleidung geben der Gentleman und die Lady je zwischen 40 und 50 Pfund aus, ihr könnt euch also vorstellen, dass die gesamte Familie nicht nur immer modisch gekleidet war, sondern zudem eine große Auswahl an verschiedenen Kleidern zur Verfügung hatte. Die Dienstboten bekamen jedoch wie in anderen Familien auch bloß zwischen 10 und 20 Pfund im Jahr. Die Schulbildung von drei Kindern kostete im Jahr knapp 40 Pfund. Am Ende des Jahres waren rund 100 Pfund übrig, mehr, als der Arbeiter im ganzen Jahr zur Verfügung hat, und das, obwohl kleine Luxusgegenstände nebenbei, sowie natürlich Verpflegung der Pferde und Reparaturkosten für sämtliche Gefährte und dergleichen bereits abgerechnet sind.

Ich hoffe, anhand dieser etwas ausführlicheren Aufschlüsselung mit Hilfe des Lord Arthur Sherwell ist euch etwas klarer geworden, was Geld im späten viktorianischen Zeitalter wert war, wer wie viel verdiente und welche großen Unterschiede zwischen armen Arbeitern, der Mittelklasse und der reichen Oberklasse herrschten. Der bekannte Spruch von den zwei Nationen – arm und reich – die Seite an Seite leben ohne sich gegenseitig zu verstehen, dürfte nun mehr Sinn ergeben.

Abschließend – Einmal um die Welt 

Um es ganz knapp zu sagen, hatte ein viktorianisches Pfund von 1890 in etwa den heutigen Wert von 80 Pfund (ca. 92 Euro). Das ist gut zu wissen, schließlich fragen sich viele Menschen, weshalb ein Pfund im viktorianischen Zeitalter als eine solche Menge Geld verstanden wurde. Wichtig ist jedoch auch, dass die Relationen trotzdem heute ganz andere sind. Die Zusammenhänge zwischen den Preisen einzelner Waren haben sich geändert und können kaum noch mit heutigen Preisen verglichen werden.

Einige Dinge, wie gute Kleidung, aber auch Zucker, waren damals viel teurer als heute, während Dinge, die damals günstig zu haben waren, heute sehr viel mehr kosten. Dieser Artikel soll bloß einen kleinen Einstieg in den viktorianischen Wert von Geld und den Umgang damit geben. Wer einen historischen Roman schreibt, sollte sich, wenn Geld eine Rolle spielt, unbedingt Tabellen aus dem Jahrzehnt suchen, in dem die Geschichte spielt.

Ich habe nun London gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts gewählt und obwohl die Unterschiede meist nicht zu frappierend sind, kostete das Leben genau wie heute in jeder Stadt auch etwas anderes. Die Unterschiede zwischen verschiedenen Ländern hingegen sind enorm. In den USA sah es zum Beispiel schon ganz anders aus: 1890 besaß ein Dollar den heutigen Wert von knapp 25 Dollar (ca. 18 Euro). Ein Arbeiter bekam knapp 9 Dollar in der Woche. In Deutschland war eine Mark im selben Jahr so viel wert wie heute rund 6 Euro. Ein Arbeiter bekam knapp 17 Mark die Woche. Ein französischer Franc war damals so viel wert wie heute 2,30 Euro und ein Arbeiter bekam knapp 25 Francs in der Woche. Allerdings kostete ein ganzes Kilo Brot in Frankreich damals auch bloß um die 0,35 Francs. In Deutschland kostete ein Kilo Brot um die 0,20 Mark, während es in England zwischen 2 und 3 Schillingen kostete.

Den Brotpreis in den USA konnte ich leider nicht herausfinden, aber vielleicht gibt das noch einmal eine Übersicht darüber, wie der Kurs gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts aussah und wie schwer es besonders Ausländer.innen in England gefallen sein muss, umzurechnen und mit der fremden Währung klar zu kommen. Zum Ende möchte ich noch einmal darauf hinweisen, dass alle Preise und Werte, die ich im Artikel angegeben habe, gerundet sind und sich nicht nur von Jahr zu Jahr unterscheiden, sondern auch von Stadt zu Stadt, Firma zu Firma, Geschäft zu Geschäft, genau wie heute. Sie sind bloß Richtwerte, an denen man sich entlang hangeln kann, um die Viktorianer und ihren Bezug zum Geld besser zu verstehen.

Man kann also pauschal nicht sagen, ein Arbeiter verdient immer 20 Schilling. Das kommt auf seine genaue Tätigkeit an, seinen Arbeitgeber und dergleichen. Genauso kostet das Brot nicht immer drei Schilling pro Kilo, jeder Bäcker verlangt einen eigenen Preis. Doch als Richtwerte dürften diese Durchschnittswerte vielleicht weiterhelfen, wenn man gar nicht weiß, welchen Wert viktorianisches Geld hatte. Wenn das Brot beim selbst ausgedachten Bäcker zwei oder vier Schilling kostet, ist man damit natürlich immer noch recht nah an der Wahrheit.


Beitragsbild: “Dividendentag in der Bank of England” von George Elgar Hicks, 1859 | Mitglieder aller sozialer Schichten, die in die Bank of England investiert haben, lassen sich ihre Zinsen auszahlen


Selbst nachlesen: 

Ich habe für die Übersicht über die britische Währung vorwiegend “Life in West London” von Arthur Sherwell (1897) und “Murray’s Handbook to London as it is” von John Murray (1879) benutzt. Beide Bücher und einige weitere ähnliche lassen sich digitalisiert im Internet finden.

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