Bademode im Wandel der Zeit

Mit Beginn der Bade- und Kurkultur beginnt auch das Interesse der Menschen am Meer als Erholungs- und Badeort. Zu Verdanken haben die Menschen des frühen neunzehnten Jahrhunderts ihre Badeurlaube der Erfindung der Eisenbahn, die die Menschen schnell und für die damaligen Verhältnisse einigermaßen bequem aus dem stickigen London in die Badeorte, wie Bath oder Brighton, beförderte. Der typische Strandurlaub, einzig und allein zur Erholung gedacht, war geboren. Und hierzu brauchte es eigene Mode und eine eigene Etikette.

Das frühe neunzehnte Jahrhundert – Viel Stoff am Strand 

Karikatur:”Mermaids at Brighton”, William Heath, 1829 | Eine Dame in Unterwäsche zieht sich in der Bademaschine um, mehrere Frauen in Schwimmkleidern planschen im Wasser

Man schmiss sich natürlich nicht direkt am Strand in die schmissigen Badeanzüge (Das Wortspiel tut mir nicht leid). Wer sich ein wenig für die Zeit interessiert, kennt vielleicht die so genannten Bademaschinen: Kleine hölzerne Häuschen, die auf starken Rädern ins flache Wasser gefahren werden, eine Art rollende Umkleidekabine. Während die Kabine ins Wasser gezogen wurde, konnte man sich darin unbeobachtet umkleiden und ungestört ins Wasser schlüpfen. War man fertig mit dem Schwimmen, kletterte man genauso ungesehen wieder in seine Bademaschine und ließ sich zurück zum Strand fahren, während man sich anzog.

Ausflüge zum Strand waren im frühen neunzehnten Jahrhundert also eine sehr einsame Angelegenheit: Man spielte nicht zusammen in den Wellen, legte sich an den Strand oder unterhielt sich, wie wir das heute kennen, sondern buchte sich eine Bademaschine, ließ sich ins Wasser ziehen und schwamm meist einsam und ungestört, bis man genug hatte und zurückfuhr. Bademaschinen waren also eine recht eigene Erfindung, die dazu diente, Ehre und Anstand einer Dame zu bewahren. Bedenkt man, wie viel Aufwand bereits betrieben wurde, dass die Dame so wenig Menschen wie möglich zu Gesicht bekamen, kommt es einem fast redundant vor, wenn man liest, wie die eigentlichen Badekleider aussahen. Aber seht selbst.

Die Menschen trauen sich noch nicht so lang ins Wasser, wie gedacht: Erst im späten achtzehnten Jahrhundert erobert die höhergestellte Gesellschaft das Meer und dafür braucht sie natürlich auch modische Badeanzüge. Die ersten Badekleider sehen ganz normalen Kleidern der Ära sehr ähnlich. Um zu vermeiden, dass die Haut zu braun wird, während man im Wasser ist, trugen Damen vor 1800 tatsächlich lange Badekleider mit langen Ärmeln, Handschuhen und sogar Hauben zum Badengehen. Badekleider waren oft am Saum mit Gewichten versehen, damit die Kleider im Wasser nicht hochgespült werden konnten und ein Blick auf die Beine möglich wurde. Das ist gefährlich und unpraktisch, doch Anstand und das Bewahren des modisch blassen Teints gingen klar vor Sicherheit.

Bereits um 1800, mit dem Einsetzen des Strandurlaubs als modischer Sommerzeitvertreib für die höheren Schichten, veränderte sich jedoch etwas in der Bademode der Damen. Man hatte wohl eingesehen, dass so unpraktische Bademode nicht nur gefährlich war, sondern auch dem Spaß am Wasser sehr bald Einhalt gebot. Allerdings ist das Badekleid zu Zeiten von Jane Austen noch immer sehr üppig: Man trug helle, leichte Stoffe in mehreren Lagen über einer Art leichter Hose, die die Beine verdeckte und unter dem langen Rock hervorschauen durfte. Ein Schal, Handschuhe und eine modische Haube um die Haut vor der Sonne zu schützen waren jedoch immer noch Pflicht und die Dame von Welt ging niemals ohne diese Accessoires an den Strand oder ins Wasser.

Auf der Karikatur oben von 1829 könnt ihr typische Badekleider aus der späten georgianischen Zeit sehen. Außerdem sehen könnt ihr, dass das Baden zwar ein respektabler Zeitvertreib für Damen geworden war, aber ein wenig belächelt wurde: Die planschenden Damen sind sehr albern dargestellt und haben im Wasser nichts von der graziösen, charmanten Dame, die das Idealbild der Epoche stellte. Auch der anzügliche Charakter des Badens lässt sich gut ablesen: Die Tür der Bademaschine steht weit auf, eine junge Frau sitzt in Unterwäsche und mit entblößten Beinen da. Skandalös!

Umständliche Bademode bis weit ins 19. Jahrhundert

Links: Badekleid, 1858 | Mitte: Badeanzug aus Wolle, amerikanisch, 1870er (Met Museum) | Rechts: Badeanzug, Wanamaker’s (amerikanische Kaufhauskette), ca. 1900 (Met Museum)

Auch, wer als Frau in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts baden gehen wollte, hatte noch schwer zu tragen: Auch hier ahmt die Bademode die weite Krinolinenmode der Epoche nach, doch trägt man nun die von Amelia Bloomer berühmt gemachten Bloomers: Sehr weite Hosen, die am Knöchel eng werden und so gemütlich zu tragen sind, praktisch, aber keinen Blick auf die Form der weiblichen Beine zulassen. Darüber trug man jedoch eine lange Jacke mit langen Ärmeln und hochgeschlossenem Kragen, die den Schnitt eines Krinolinenkleides aufwiesen und immer noch eine passende Haube oder einen kleinen Hut dazu. Auf dem Bild links seht ihr ein solches Badekleid, im weiteren Verlauf die rasanten Entwicklungen in der Bademode.

Ein wenig muss das gewesen sein, als würde man heute in voller Wintermontur ins Wasser gehen und dann noch versuchen, im Wasser Spaß zu haben. Diese Bademode war unpraktisch, schwer und gefährlich: Sie sog sich schnell mit Wasser voll und konnte die Schwimmerin herunterziehen, wenn sie sich zu weit ins Wasser wagte. Die Bademode des frühen und mittleren neunzehnten Jahrhunderts ließ den Damen kaum Freiraum, sich am Strand wirklich zu amüsieren, doch dazu war das Baden damals auch eigentlich nicht gedacht: Viel eher ging man wegen der wohltuenden Wirkung ins Wasser, was natürlich etwas merkwürdig anmutet. Heilendes Wasser bringt einem auch nicht viel, wenn man wegen der umständlichen Kleidung ertrinkt. Hierbei ist jedoch zu beachten, dass nicht geschwommen wurde, sondern meistens nur im flachen Wasser ein bisschen geplanscht.

Auch die Bademode der 1870er Jahre lässt noch sehr zu wünschen übrig. Sie ist weniger voluminös, doch Arme und Beine müssen noch immer vollständig bedeckt sein und der Badeanzug besteht nach wie vor aus Wolle, Hosen und einem Rock. Dazu kamen blickdichte Strümpfe und Badeschuhe, meist aus weißen Leinen. Ich bin jemand, der immer versucht die Trends und den Zeitgeist einer Epoche zu verstehen, doch die Badekleidung des 19. Jahrhunderts sorgt dafür, dass mir die Lust auf’s Badengehen gründlich vergeht. Allein die Vorstellung von so viel nasser Wolle auf der Haut. Grausig.

Die Belle Epoque – Revolution am Strand

Links: Männer und Frauen in Badeanzügen, ca. 1898 | Mitte: Junge Frau springt vom Pier, Fotograph: John S. Johnson, 1892 | Far Rockaway Beach, New York, 1897 (Museum of the City of New York)

Zum Glück kam mit der sich verändernden und offener werdenden Gesellschaft, der Rational-Dress-Bewegung und der Auflockerung viktorianischer Moralvorstellungen, auch ein viel lockerer Umgang mit Bademode und weiblicher Anwesenheit an den Badestränden der westlichen Welt daher. Die Naughty Nineties, die dank vieler Moralpaniken und der immer ungezwungener werdenden Gesellschaft so genannt werden, markieren einen Wandel in der Bademode, aber auch in der Bade-Etikette tut sich einiges. Bademaschinen gibt es weiterhin, doch sie sind längst nicht mehr der einzige Weg ins Wasser.

Badekleider werden im Verlauf der Naughty Nineties kurzärmelig, hatten oft verspielte Matrosenkrägen und Schleifchen, reichten bloß noch bis zu den Knien und bestanden aus dünner, meist schwarzer oder dunkelblauer Wolle. Dazu trug man weiterhin Bloomers und schwarze Strümpfe. Das Haar durften Schwimmerinnen inzwischen offen oder in einfachen Zöpfen tragen und es gab extra Sonnenhüte für den Aufenthalt am Strand. Dazu gab es Badeslipper, die man schnüren konnte und die die Füße vor scharfen Steinen schützten. Auf den Bildern oben könnt ihr ein paar junge Frauen in der viel praktischeren Bademode der Jahrhundertwende sehen. (Und ein paar Männer in Herrenbademode, die ich hier kaum erwähne, weil langweilig.)

Allerdings gab es ein weiteres Problem: Diese neue Bademode mochte praktischer sein, wenn man mit Freundinnen am Strand liegen wollte – was ab 1890 immer öfter getan wurde – oder der Strandbeschäftigung für Frauen schlechthin nachgehen wollte: Sich an einem Seil festhaltend in die Brandung stellen und in die Wellen springen. Doch mit der Befreiung der Frau von den strengen moralischen Auflagen des früheren neunzehnten Jahrhunderts, kam auch der Wunsch auf, dieselben Urlaubsaktivitäten wahrnehmen zu können, wie Männer. Wie ihr auf dem Bild oben links seht, war Spaß am Strand mit anderen Personen nun längst kein Tabu mehr, die Tage von schnellen Schwimmausflügen via Bademaschine waren gezählt. Doch während die Männer lange Runden schwammen, tauchten oder auf Brettern ungehindert auf der Brandung surften, war das den Damen in ihren Badekleidern, die immer im Weg waren, nicht möglich. Eine noch praktischere Mode musste her.

Das neue Jahrhundert und die neue Bademode

Links: Die Schwestern Dorothea und Maryal Knox, Rye Beach, New York, 1900 (Schlesinger Library) | Mitte: Badeseile am Strand von Coney Island, New York, ca. 1900 | Rechts: Werbefoto, “On the Beach”, Edowes Bros., 1901 (Library of Congress)

Hier muss unbedingt erwähnt werden, dass die meisten Frauen auch um 1910 die schwarzen, blauen oder roten Badekleider aus Angorawolle mit den schwarzen Strümpfen beibehielten. Die neue Bademode, die ich euch jetzt vorstelle, war etwas für junge athletische Frauen, die sich für die Frauenbewegung interessierten und dieselben Strandaktivitäten unternehmen wollten, wie die Männer. Ein großer Unterschied ist, dass die Bademode ab 1900 stetig bunter wurde. Besonders gestreifte Badeanzüge wurden modern und lösten die anständigen schwarzen Badekleider an vielen Stränden ab. Dies war jedoch eine langsame Entwicklung. Zuerst wurden Badekleider einfach verspielter, mit Streifen, Punkten und in fröhlichen Farben, bevor sie langsam kürzer und praktischer wurden. Anstatt Hüten trugen junge Damen nun Tücher kunstvoll um den Kopf geknotet.

Mit den 1920er Jahren kam dann natürlich mit dem Aufkommen von Flappern in kurzen Kleidern auch der kurze Badeanzug für Damen auf. Allerdings gilt auch hier wieder: Nicht alle Frauen folgten diesem Trend. Auch in den 1920ern sah man noch Frauen in schwarzen Badekleidern am Strand, die ihre Beine mit schwarzen Strümpfen verdeckten. Nicht alle Damen der 1920er waren Flapper und in der Bademode wird das sehr deutlich, genauso, wie es auch Fotos aus den 1890ern gibt, in denen Frauen mit nackten Beinen in Badekleidern am Strand stehen. Die Ausnahme macht immer die Regel.

Was die Bademode der 20er auszeichnet ist, dass sie sehr viel mehr Haut und Körperformen zeigt, als die Bademode der vorangegangenen Jahrzehnte. Diese Badeanzüge ähnelten stark den Badeanzügen, die Herren bereits seit einigen Jahrzehnten trugen und die man aus vielen Filmen und von Bildern kennt. Während diese körperbetonten, jungenhaften Badeanzüge der androgynen Mode der 20er Jahre stark entsprechen, sorgten sie natürlich auch für allerlei Aufschrei in der Gesellschaft und galten als Verstoß gegen den guten Geschmack.

Badeanzüge der 1920er Jahre variieren stark in ihrer Schnittart und Farbgebung, sind jedoch meist sehr bunte, hübsch verzierte Kleidchen ohne Ärmel, die weit über dem Knie enden, oder tatsächlich Badeanzüge mit Hosenbeinen, die ebenfalls über dem Knie aufhören. Hierzu trugen manche Frauen dünne Strümpfe oder kurze Hosen, andere gingen ganz ohne Strümpfe an den Strand. Auf dem Kopf trug man zum Schutz vor Salzwasser und Sonne entweder weiterhin Kopftücher oder passende Badekappen, die dem beliebten Glockenhut nachempfunden waren.

Die Bademode der 1920er sorgte wie bereits angedeutet nicht selten für Aufregung: Frauen wurden oft sogar verhaftet, weil ihr Badeanzug angeblich zu kurz war und nicht den Regeln des Anstands entsprach. Die Bademode wurde somit ein wenig zum Zeichen des Aufbegehrens: Frauen trugen extra kurze Badeanzüge, oder wagten sich in ihrer Bademode zum Essen in Lokale in Strandnähe, um zu zeigen, dass sie mit den strengen, aus viktorianischen Zeiten übrig gebliebenen Ansichten nicht einverstanden waren. Die 1920er sehen übrigens auch zum ersten Mal tiefere Ausschnitte bei Badeanzügen. Das liegt einfach daran, dass Sonnenbräune als Trend die vornehme Blässe ablöste. Hatte man zehn Jahre zuvor noch Angst gehabt, die Haut im Ausschnitt könnte beim Schwimmen zu braun werden, um ein tief ausgeschnittenes Abendkleid zu tragen, war das den meisten Frauen nun egal.


Beitragsbild: “Yes or No?”, Ullman Mfg, Co., New York, 1902, Quelle: Library of Congress


Selbst nachlesen?

Victoriana Magazine: The History of Bathing Suits. 

Kindersley, Dorling: Mode. 3000 Jahre Kostüme, Trends, Stile, Designer. 2013.

Lansdell, Avril: Seaside Fashions, 1860-1939. 1990.

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