Emily Brontë – Über verregnete dunkle Moore

Die Brontë-Schwestern dürften als wohl bekannteste weibliche Autorinnen in die Geschichte des viktorianischen Zeitalters eingegangen sein. Charlotte, Emily und Anne schrieben Schauerromane, die viktorianische Leser.innen nicht bloß begeisterten, sondern auch schockierten. Ich möchte in den folgenden Wochen auch zu Branwell, Charlotte und Anne Brontë eigene Biographien hochladen, doch heute soll es um die Schwester gehen, die einen meiner absoluten Lieblingsromane geschrieben hat: Emily Brontë und ihre “Sturmhöhe”.

Über die Person Emily Brontë ist nicht viel bekannt. Sie lebte sehr zurückgezogen und genoss die Einsamkeit, hatte wenige Freunde und verbrachte ihre Zeit lieber mit dem Schreiben, als mit anderen Menschen. Zeitgenossen nannten sie furchtbar schüchtern und still, doch sie liebte die Moore von Yorkshire und alles, was darin lebte. Sie soll Tiere immer lieber gehabt haben, als Menschen und pflegte oft Tiere, die sie auf dem Moor gefunden hatte. Unter der ruhigen, stillen Fassade war Emily jedoch als mutige, wissbegierige und logisch denkende Frau bekannt, die ihren Willen durchsetzen wollte und sehr stur auf ihrer Meinung bestehen konnte. Ein großes Stück dieser Frau steckt in ihrem einzigen Roman, “Wuthering Heights” (dt. “Sturmhöhe”).

Im Geiste auf Gondal – Emilys Kindheit und Jugend 

Emilys Handschrift: Manuskript ihrer Gondal-Gedichte, datiert auf 1844

Emily wurde am 30. Juli 1818 in Thornton geboren, im Westen von Yorkshire im Norden von England. Ihre Mutter Maria Branwell war die Tochter eines südenglischen Händlers, ihr Vater Patrick ein irischer Geistlicher und Autor. Neben ihren berühmten Geschwistern hatte Emily noch zwei weitere Schwestern, die jedoch bereits als Kinder an Typhus starben. Emilys Mutter starb an Krebs, als Emily erst drei Jahre alt war und Emily ging bloß sehr kurz zur Schule. Ihre Schwestern Maria und Elizabeth hatten sich in der Schule mit dem tödlichen Typhus angesteckt, woraufhin Emilys Vater beschloss, seine verbleibenden vier Kinder daheim zu unterrichten. Hier beginnt Emilys literarische Entwicklung.

Emily und ihre Geschwister mussten den Tag über sehr still und vorsichtig sein, wenn ihr Vater arbeitete und beschäftigen sich in dieser Zeit viel mit den Büchern und Magazinen im Haus. Emily las bereits in jungen Jahren die Werke von Mary Shelley und Lord Byron, die sie sehr mochte. Bald begann sie eigene Geschichten über ihre Spielzeuge und ihre selbst ausgedachten Figuren zu schreiben, von denen jedoch bloß ein paar ihrer Gedichte übrig sind. Im Alter von dreizehn Jahren dachte sich Emily zusammen mit ihrer Schwester Anne die Insel Gondal aus, die sie ihr ganzes Leben lang beschäftigen sollte. Anne und Emily überlegten sich eigene Legenden und Sagen für die Insel und viele von Emilys Gedichten über Gondal sind bis heute erhalten. Die meisten Gedichte sind unbetitelt, recht melancholisch und als Dialoge zwischen den Figuren von Gondal gekennzeichnet und angelegt.

Geraldine, the moon is shining
With so soft, so bright a ray;
Seems it not that eve’s declining
Ushered in a fairer day?
(Julius Brenzaida zu Geraldine Sidonia, erste Strophe, 17. Oktober 1838)

Lange Zeit dachte man, Emilys Gondal-Gedichte handelten von Abschnitten aus ihrem Leben, bevor man herausfand, dass sie tatsächlich zu einem sehr großen, komplexen Kanon an Gedichten zu Gondal gehörten. Heute gelten Annes und Emilys Geschichten und Gedichte zu Gondal nicht bloß als Lebenswerk der beiden Frauen, da Gondal sie weit über ihre Kindheit hinaus beschäftigte, sondern auch als sehr frühe phantastische Fiktion. Die ausgedachte Insel mit ihren komplexen fiktiven Königreichen, einer großen Schar von Figuren und politischen Irrungen und Intrigen erinnert stark an unsere moderne High Fantasy.

Kurz vor ihrem Tod schrieb Emily Brontë ein letztes Gedicht über Gondal. Es gehört zu den wenigen Schriften, die Emily in den letzten drei Jahren vor ihrem Tod verfasste. Bis heute streitet man sich in der Literaturwissenschaft über die Chronologie der Ereignisse auf Gondal.

Im Alter von 17 sollte Emily die Schule besuchen, an der ihre Schwester Charlotte unterrichtete, kehrte aber einige Monate später nach Hause zurück, da sie großes Heimweh hatte. Drei Jahre später wurde sie selbst Lehrerin, musste den Beruf aber mit bloß zweiundzwanzig Jahren aufgeben, da sie die stressige Arbeit, die sie manchmal bloß wenige Stunden in der Nacht schlafen ließ, nicht aushielt und krank wurde. Einmal mehr kehrte sie in ihr Zuhause nach Yorkshire zurück. Von nun an verbrachte sie ihre Zeit damit, für ihren Vater zu kochen und den Haushalt zu bewältigen, brachte sich aber unter anderem selbst die deutsche Sprache bei und strebte immer nach neuem Wissen. Sie sprach außerdem Latein. Emilys Traum zu dieser Zeit war es, zusammen mit Charlotte eine eigene Schule zu gründen, weshalb sie versuchte so viel zu lernen, wie es ihr möglich war.

Großes im Keim erstickt – Das Schicksal der Emily Brontë

1842 reisten Emily und Charlotte nach Brüssel, wo sie an einem Mädcheninternat erst ihr Französisch perfektionierten und dann als Lehrerinnen eingestellt wurden. Emily unterrichtete hier Musik. Von Constantin Héger, dem Leiter des Internats wurde Emily als sehr stur und stark beschrieben, er lobte ihren Sinn für Logik und hielt schriftlich fest, dass Emily ein Mann hätte werden sollen. Hiermit muss er gemeint haben, dass ihr als Mann alle Türen aufgestanden hätten neues Wissen in die Welt zu tragen und sich als Wissenschaftler einen Namen zu machen. Emily Brontë lebte leider in einer Zeit, in der dies Frauen noch nicht möglich war. Das neunzehnte Jahrhundert sah viele Besserungen in dieser Hinsicht, doch die erste Hälfte des Jahrhunderts gab einer Frau nicht einmal die Chance, sich so zu entfalten, wie Emily es gekonnt hätte. Besser als die meisten Männer, wie Héger betonte.

Der Tod ihrer Tante machte Emily und Charlotte jedoch einen Strich durch die Rechnung und sie mussten Brüssel verlassen um nach Yorkshire zurückzukehren. Auch den Traum von der eigenen Schule mussten sie aufgeben, da es in der Gegend nicht genug Schüler gab. In dieser Zeit daheim, Emily war sechsundzwanzig Jahre alt, begann sie all ihre alten Gedichte säuberlich in zwei Notizbücher zu übertragen, die bis heute erhalten sind und besonders dafür gesorgt haben, dass die Gondalgedichte nicht verloren gehen. Einen Ausschnitt könnt ihr oben sehen. Emily hatte ihre Gedichte immer geheim gehalten, doch nun fand Charlotte die Notizbücher und obwohl Emily erst verärgert war, dass Charlotte darin gelesen hatte, ließ sie sich von ihren Schwestern überreden jemanden zu suchen, der die Gedichte veröffentlichen wollte.

1846 veröffentlichten die drei Schwestern einen gemeinsamen Gedichtband beim Londoner Verlag Aylott & Jones unter den männlichen Pseudonymen Currer, Acton und Ellis Bell. Bei Ellis handelte es sich um Emily. Da man im frühen neunzehnten Jahrhundert Werke von Frauen sofort als seicht und nicht lesenswert einstufte, entschieden die Schwestern sich dazu, Pseudonyme zu wählen, die eher als männlich gelesen werden konnten, jedoch auch nicht ausschließlich männlich waren. Der Band verkaufte sich zwar nur zwei Mal, trotzdem wurden die Gedichte von “Ellis” von Kritikern als die besten hervorgehoben. Erst einige Jahre später, nachdem die Romane der Schwestern ein großer Erfolg geworden waren, wurde der Gedichtband wiederentdeckt, bei einem anderen Verlag neu aufgelegt und eine richtige Sensation. Emily erlebte dies jedoch leider nicht mehr.

Leiden und Tod der Emily Brontë

Links: Anne, Emily und Charlotte Brontë, gemalt von Branwell Brontë, der sich selbst aus dem Porträt entfernte, 1834 | Mitte: Seite aus Emilys Tagebuch mit einer Skizze, die sie und Anne am Esstisch arbeitend zeigt, 1837 | Rechts: Emily (oder Anne) Brontë, gemalt von Branwell Brontë, 1833

Durch mehre Umstände war Emily genau wie ihre Schwestern sehr anfällig für Krankheiten. Dies wird zum einen am kalten, feuchten Klima auf den Mooren von Yorkshire liegen, doch Emily selbst glaubte auch, dass ihre Krankheit daher rührte, dass ihr Wasser zuhause aus einer Quelle kam, die durch den nahen Friedhof verschmutzt worden war. Auf der Beerdigung ihres Bruders Branwell im Jahr 1838 wurde Emily sehr krank. Was als Erkältung begann, stellte sich sehr bald als schwierige Lungenentzündung heraus. Obwohl es ihr sehr schnell schlechter ging, wollte sie keinen Arzt sehen.

Am 19. Dezember 1848 konnte sie kaum noch sprechen und ihre letzten verstehbaren Worte, an Charlotte gerichtet, lauteten angeblich: “Solltest du jetzt einen Arzt rufen, dann werde ich ihn empfangen.” Gegen zwei am Nachmittag desselben Tages starb sie im Alter von bloß dreißig Jahren, bloß drei Monate nach dem Tod ihres Bruders Branwell. Die Krankheit hatte Emily so dünn gemacht, dass der Schreiner ihres Sarges später sagte, er habe nie einen schmaleren Sarg für eine erwachsene Frau gemacht. Sie liegt in der Familiengruft der Brontës in der Kirche St. Michael and All Angels in Haworth, Yorkshire, wo sie den Großteil ihres Leben verbrachte.

Wegen Berichten und Biographien ihrer Schwester Charlotte Brontë gilt Emily heute für viele als naiv und verträumt, die typische Pfarrerstochter vom Lande, und für einige als ein bisschen merkwürdig, schroff und unfreundlich. Dieses moderne Bild der Emily Brontë finde ich persönlich sehr schade. Wer dieses Blog verfolgt, bemerkt vielleicht, dass Emilys Lebensgeschichte sich keinesfalls mit der typischen Lebensgeschichte frühviktorianischer Frauen deckt. Emily mag verträumt und melancholisch gewesen sein, doch dahinter steckt ein eiserner Wille, ein Versprechen sich selbst gegenüber den eigenen Träumen zu folgen und ein feines Gespür für Atmosphäre und logische Zusammenhänge.

Emilys Liebe zur Natur und ihre vielen Spaziergänge auf den nordenglischen Mooren, ihr Durst nach Wissen und ihre Entschlossenheit sind Eigenschaften, die man in einer Frau im neunzehnten Jahrhundert eher ungern sah. Dazu finden sich in ihrem einzigen Roman, dem fulminanten “Sturmhöhe”, einige frühe feministische Versatzstücke. Nicht umsonst galt der Roman damals als skandalös und Ellis Bell als genialer, talentierter Autor mit einem Gespür für Reizthemen und dichtes Schreiben. Emily erlebte ihren eigenen Erfolg nicht mehr, sie starb bereits kurz nach der Veröffentlichung von “Sturmhöhe” und legte ihr Pseudonym zu Lebzeiten nicht ab. Wer wirklich hinter dem Namen Ellis Bell steckte, war bereits damals Ziel vieler Spekulationen, kam aber erst Jahre später heraus. Meine Rezension der “Sturmhöhe” könnt ihr auf Stürmische Seiten lesen.


Beitragsbild: Ausschnitt aus einem Porträt der Brontëschwestern, gemalt von Branwell Brontë, 1838


Selbst nachlesen?

Frank, Katherine: A Chainless Soul. A Life of Emily Bronte. 1992.

Gerin, Winifred: Emily Bronte. A Biography. 1979.

Shouhhua, Qui: The Bronte Sisters in Other Wor(l)ds. 2014.

2 Kommentare zu „Emily Brontë – Über verregnete dunkle Moore“

  1. Sehr interessanter Beitrag! Ich hab mir den Film angesehen und er ist wirklich gut! Verstörend aber gut. Ich liebe die Art wie er gefilmt ist, so es fällt so leicht mitzuempfinden! Danke für die Empfehlung!! Bei nächster Gelegenheit werd ich das Buch auch lesen!

  2. Freut mich, dass der Film dir gefallen hat! Er kommt meiner Meinung nach mit der Atmosphäre der im Buch am nächsten. Ich kenne noch ein paar andere Verfilmungen, aber die gingen alle zu sehr in Richtung romantische Liebesgeschichte, was zu dem Buch einfach nicht passt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.