Post Mortem – Viktorianische Totenbilder und wie man sie erkennt

Leider ist Halloween mittlerweile rum und ich habe nicht die Zeit gefunden euch mit (auf den ersten Blick) makaberen oder sogar gruseligen Informationen zum viktorianischen Zeitalter zu versorgen wie letztes Jahr. Heute gibt es daher einen etwas düsteren Artikel, inspiriert von einem Artikel im Internet (Buzzeed is at it again), der mit so vielen Klischees und Unwahrheiten gespickt ist, dass ich euch gern näher bringen möchte, wie es wirklich aussah. Es geht um viktorianische Post-Mortem-Fotografie. Was das ist, habe ich nebenbei in anderen Artikeln schon erwähnt, doch einen richtigen Artikel zu diesem Phänomen gibt es noch nicht.

Post-Mortem-Fotografie ist ein großteils viktorianisches Phänomen. Fotografien, die seit den 1840er Jahren in Mode waren, waren günstiger, als sich malen zu lassen, was jedoch nicht heißt, dass es günstig war, ein Foto von sich machen zu lassen. Die meisten Familien ließen deshalb bloß hin und wieder Fotografien anfertigen und nicht selten hatte man, wenn ein Familienmitglied plötzlich verstarb, keinerlei Fotografien von ihm oder ihr. Ein Foto war jedoch ein sehr gutes Mittel das geliebte Familienmitglied in Erinnerung zu behalten, weshalb nicht selten nach dem Tod ein Bild von der Person angefertigt wurde.

Um diese Praxis ranken sich viele Legenden und falsche Fakten, von denen ich euch heute einige vorstellen möchte. Denn die meisten Seiten, die über Post-Mortem-Fotografie berichten, scheinen sich mit dem Thema nicht wirklich auseinander gesetzt zu haben und geben falsche Informationen weiter, die sich leider schnell verbreiten. Vorweg: Ich werde euch in diesem Artikel keine echten Post-Mortem-Fotografien zeigen. Alle Bilder, die ihr hier zu sehen bekommt, werden auf Websites, die auf viele Klicks aus sind, aber gern als Post-Mortem-Fotografien ausgegeben. Ich erkläre heute, warum sie keine sind und woran ihr das erkennen könnt.

Post Mortem: Woran erkennt man Totenfotografie? 

KEINE Post-Mortem-Bilder: Links: Mädchen mit verfärbten Armen und Augenpartien. Die Verfärbung kommt von schlechter Belichtung des Fotos, es handelt sich um ein ganz normales Portrait, ca. 1900 | Mitte: Kleines Mädchen mit “Posing Stand”, ca. 1860 | Rechts: Die mysteriöse Frau, auf Clickbait-Seiten sehr beliebt. Tatsächlich lebt diese Frau nicht, weil sie eine Pappmachéfigur von 2008 ist, Künstlerin: Christine Elfman

Das erste Gerücht ist, dass die Viktorianer versucht haben, die Verstorbenen auf diesen Bildern so lebensecht wie möglich darzustellen. Aber das ist nicht wahr. Echte Post-Mortem-Fotografie erkennt man meist daran, dass die Person – meist handelt es sich um plötzlich verstorbene Kinder – auf dem Bild zu schlafen scheint. Auch Aufnahmen der Person im Sarg sind nicht selten, oder gestützt von anderen Personen. Es ist meist sehr einfach zu bestimmen, ob es sich um eine lebende oder tote Person handelt, denn Post-Mortem-Bilder sind meist friedlich und mit Symbolen für den Tod und Trauerschmuck ausgestattet.

Es gibt Fotos, auf denen Augen über die geschlossenen Lider gemalt sind, so, das es aussieht, als wären die Augen geöffnet. Auch diese Bilder sind keine Post-Mortem-Bilder. Augen in Fotografien malen war weit verbreitet, da Fotografien wie gesagt nicht günstig waren. Meist wurde die Kamera nur ein oder zwei Mal ausgelöst und, wenn die Person auf dem Bild zufällig die Augen zu hatte, vielleicht weil sie geblinzelt hat, wurden die Augen nachträglich eingezeichnet, da es einfach zu teuer gewesen wäre gleich ein neues Foto zu machen. Bei weitem nicht alle Personen, denen Augen eingezeichnet wurden, sind tot. Und auch Viktorianer.innen mit geschlossenen Augen sind lebendig, wenn sie aufrecht stehen, aus demselben Grund: Deshalb ein neues Foto machen zu lassen, wäre teuer gewesen.

Es geht außerdem eine Legende herum, nach der Viktorianer Vorrichtungen in Fotostudios gehabt hätten, um tote Personen aufrecht ablichten zu können. Dabei handelt es sich um eine Art Ständer mit Fixierungen, die Personen aufrecht halten. Diese Ständer gab es tatsächlich, auf dem Bild in der Mitte könnt ihr einen sehen, sowie auf vielen weiteren Kinderfotografien. Doch sie waren keinesfalls für tote Personen gedacht. In den frühen Tagen der Fotografie wurden diese Posing Stands benutzt, um es lebenden Personen einfacher zu machen für die langen Belichtungszeiten grade zu stehen, ohne, dass es zu anstrengend wurde. Mehr steckt nicht dahinter.

Es ist nicht möglich einen toten Körper auf eine Weise aufrecht abzulichten, dass es lebensecht aussieht. Mit oder ohne einen solchen Ständer, denn lebendige Körperspannung kann man nicht nachmachen. Falls ihr über Fotografien stolpert, die als Post Mortem ausgezeichnet sind, und die darauf gezeigte Person steht, ohne von jemandem gestützt zu werden und vor allem den Kopf selbst aufrecht hält, dann ist es sehr wahrscheinlich, dass die Person auf dem Bild noch lebt, ob die Augen geschlossen sind, oder nicht.

Es gilt: Die meisten Post-Mortem-Bilder zeigen die Verstorbenen in liegender Position oder sitzend. Falls die Person sitzt, erkennt man meist an der Körperhaltung, ob sie lebt oder nicht, in den meisten Fällen handelt es sich aber um lebende Menschen. Es gibt zum Beispiel ein Foto eines Mannes, der mit geschlossenen Augen in einem Sessel sitzt, das oft als Post-Mortem-Fotografie missverstanden wird. Tatsächlich handelt es sich aber einfach um ein romantisches Kunstportrait des sehr lebendingen Autors Lewis Carroll.

Oft werden die Personen auf Bildern auch gestützt oder an Wände gelehnt. Es gibt natürlich Bilder, auf denen nicht gleich klar wird, ob die Person lebt oder nicht und oft wissen hier auch die Experten nicht weiter, doch es war bei weitem nicht so verbreitet, die Toten lebensecht ablichten zu wollen, wie heute oft behauptet wird. Viel öfter zeigten Post-Mortem-Bilder die Personen als schlafend oder sogar bereits in den Sarg gebettet. Fakt ist, dass die Totenfotografie aus den oben genannten Gründen sehr beliebt war um plötzlich verstorbene Familienmitglieder, von denen man keine Bilder hatte, bei sich zu behalten. Es ist auch nicht selten, dass diese Bilder in Medaillons von den Trauernden bei sich getragen wurden.

Pre Mortem: Was sind meist keine Totenfotografien?

KEINE Post Mortems, sondern romantische Kunstportraits, die verträumt wirken sollten: In der Mitte der – sehr lebendige – Autor Lewis Carroll

Die Totenfotografie wirkt auf heute lebende Menschen, die sich nicht allzu gut mit der Geschichte der Viktorianer und der Geschichte der Fotografie auskennen, oft sehr makaber und gruselig und natürlich wollen viele Menschen glauben, dass es sich bei den unheimlichen Fotos um Totenfotografien handelt, weil das spannender ist. Es ist nur leider sehr schade, dass dieses Halbwissen und oft einfach falsche Fakten weiter getragen und von so vielen Menschen geglaubt werden. Teilweise fallen sogar Websites wie die der BBC darauf herein, wo man eigentlich ein bisschen mehr Recherche erwarten könnte, aber nun gut.

Keine Post-Mortem-Fotografien sind alle Fotos, auf denen der oben genannte Posing Stand zu sehen ist. Der wurde ausschließlich für lebende Personen verwendet. Auch Fotos, auf denen Augen deutlich eingezeichnet sind, weil die Augen geschlossen sind, müssen keine Totenfotografien sein, wenn ansonsten nichts an der Haltung der Person darauf hinweist. Was auch oft passiert ist, dass unheimliche, moderne (!) Fotomanipulationen von Leuten, die sich nicht so recht auskennen, als Post-Mortem-Fotografien identifiziert werden. Dazu gehören alle Bilder, auf denen teils verweste Körper zu sehen sind, so etwas wurde nicht gemacht, was denkt ihr eigentlich von den Viktorianern?

Ein Post-Mortem-Bild sollte schließlich der Erinnerung dienen und war positiv behaftet. Es sollte friedlich wirken, nicht unheimlich und eben auch nicht puppenhaft und “lebensecht”. Es gibt durchaus medizinische Bilder, die nicht schön anzusehen und oft echt sind, doch die haben mit dieser Art der Totenfotografie nichts zu tun, sondern einen rein wissenschaftlichen Grund. Oft hilft es, nicht nur in diesem Fall, einfach mal in Google nach diesen Bildern zu suchen und man stößt auf den Künstler oder auch auf die richtigen Geschichten hinter den Bildern.

Auch sind angebliche Post-Mortem-Bilder oft gestellte Bilder, die lebende Personen zeigen. Das ist etwas schwerer herauszufinden, doch mit etwas Recherche findet man meist, was man sucht. Es gibt zum Beispiel ein Bild von Zwillingen auf einem Sofa, einer lebt, der andere ist “tot” und lehnt mit geschlossenen Augen an der Schulter des anderen. Diese berühmte Post-Mortem-Fotografie ist in Wirklichkeit ein Werbefoto für einen frühen Film und natürlich leben beide Jungen. Auch Kunstfotos, auf denen “tote” Menschen zu sehen sind, sind natürlich gestellt. Und wie gesagt bedeuten geschlossene Augen nicht immer, dass die Person nicht mehr lebt. Oben könnt ihr neben Lewis Carroll zwei weitere verträumte junge Damen auf romantischen Portraits sehen. Natürlich leben beide.

Andere Bilder, die oft für Post Mortems gehalten werden, sind solche, die kranke oder Menschen mit körperlichen Einschränkungen zeigen. Das finde ich besonders schade. Ein Bild von einer jungen Frau mit Exzemen auf der einen Gesichtshälfte wird oft als Post Mortem aufgefasst, dabei leidet die Frau an einer Hautkrankheit und ist auf dem Bild völlig lebendig. Viele Menschen denken nicht daran, dass Krankheiten im viktorianischen Zeitalter häufiger auftraten und anders als heute behandelt wurden oder gar nicht. Menschen, die komisch stehen, deren Augen merkwürdig aussehen, die sich ungewöhnlich halten sind nicht immer tot, sondern in vielen Fällen erkrankt.

Dazu kommt, dass wir uns in den Anfangsjahren der Fotografie befinden. Augen können auch komisch aussehen, weil die Belichtungszeit zu lang ist und die Person zwischendurch mehrmals geblinzelt oder die Augen hin und her bewegt hat. Dadurch entsteht der “leere” Blick von viktorianischen Fotografien, den viele oft als Merkmal von Post-Mortem-Bildern verstehen (wollen). Die starre Haltung ist ebenfalls ein Resultat langer Belichtungszeiten. Auch die Farben können betrügen: Wenn ein Gesicht sehr bleich wirkt oder die Hände sehr dunkel, wie bei dem Mädchen oben links, liegt das oft an der Belichtung des Bildes, nicht daran, ob die Person lebt oder nicht.

Geschäft mit dem Tod – Nicht nur ein viktorianisches Problem

Man sieht in letzter Zeit leider immer mehr Bilder, die komplett lebendige Viktorianer zeigen, als Post Mortem ausgezeichnet. Selbst solche von berühmten Personen, bei denen bekannt ist, dass sie erst viel später gestorben sind. Selbst solche von Tänzerinnen, die lasziv posieren, und verträumt dreinblickende Mädchen. Teilweise passiert das, um die Bilder teuer verkaufen zu können, teilweise passiert das, weil Menschen sich einfach wünschen, die Viktorianer wären so makaber gewesen. Und obwohl vieles an viktorianischer Totenkultur uns heute so vorkommen mag, so makaber waren die Menschen damals nicht und irgendwann wird das zwanghafte Betiteln von ganz normalen Portraits mit “Post Mortem” dann auch albern.

Ein Post Mortem habt ihr nur dann ganz sicher, wenn die Person mit geschlossenen Augen im Bett liegt, in einem Sarg oder in einem Sessel, umgeben von Blumen oder in Tücher gewickelt. Manchmal wurden sie in Familienbilder integriert, Kinder werden von ihren Müttern gehalten, meist ist eindeutig zu sehen, dass es sich um eine Trauerfotografie handelt. Besonders bei Babys muss man aber vorsichtig sein: Babys schlafen viel und sind daher auch auf viktorianischen Fotografien oft schlafend dargestellt, oder werden von versteckten Helfern festgehalten. Nicht, weil sie tot sind, sondern, weil sie zappeln, wenn sie nicht schlafen, was bei den langen Belichtungszeiten ohne Festhalten zu verschwommenen Bildern führt.

Oft hilft ein wenig Recherche oder das Befragen eines Experten, wenn man sich nicht sicher ist. Eines ist klar: Merkwürdige Posen, Augen oder Gesichtszüge haben meist damit zu tun, dass die Fotografie einfach noch nicht so weit war, und dass man lang stillhalten musste, während lang belichtet wurde. Die meisten echten Post-Mortems erkennt man auf einen Blick. Wenn ihr überlegen müsst, ist die Wahrscheinlichkeit, dass es keine Totenfotografie ist, sehr hoch. Die Viktorianer hatten keine Möglichkeiten tote Menschen so lebendig aussehen zu lassen, wie in den meisten angeblichen Totenfotografien und besonders so ein kleiner Ständer hätte dies nicht vermocht. Ich hoffe, ich konnte mit diesem Artikel wenigstens ein bisschen dazu beitragen eine beliebte Urban Legend zu den Viktorianern aufzulösen.

Leider handelt es sich bei diesem “Trend” angebliche Post-Mortem-Bilder zu zeigen und zu verkaufen wohl einfach um Profitgier und Sensationslust. “Ihr werdet nicht glauben, wie krass die Viktorianer waren!” bringt halt Clicks. Es ist natürlich Effekthascherei, die angeblich so unheimlichem Post-Mortem-Bilder zu zeigen und darauf hinzuweisen, wie makaber die Viktorianer waren.

Kann es unheimlich sein, Bilder von toten Viktorianern zu sehen? Natürlich. Deshalb habe ich hier heute keine echten Post Mortems gezeigt. Der Tod macht vielen Menschen Angst. Doch wir sollten nicht vergessen, weshalb die Viktorianer diese Bilder gemacht haben: Weil sie von den geliebten Menschen oft keine anderen Bilder hatten und etwas haben wollten, um sich an sie zu erinnern. Für die Viktorianer gehörte der Tod viel mehr zum Leben dazu, als für uns heute. Kaum eine Familie kannte es nicht, dass Kinder nach Krankheiten oder durch Unfälle gestorben sind. Und die Totenfotografie ist einfach ein Weg der Trauer gewesen. Kein gruseliger, merkwürdiger Trend, den sich heute niemand mehr erklären kann.


Beitragsbild: Ein Fotograf fotografiert sich selbst?, Fotomontage aus dem 19. Jahrhundert mit sichtbarer Hilfe zum Stillhalten


Selbst nachlesen? 

Bolloch, Joelle: Post Mortem. 2007. (Französisch)

Mord, Jack: Beyond the Dark Veil. Post Mortem & Mourning Photography from the Thanatos Archive. 2014.

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  1. Wirklich schade, dass Menschen aus allem Profit schlagen wollen! Ich finde die Post Mortem Fotografie zwar makaber und merkwürdig, aber kann sie als für ihre Zeit passend akzeptieren…

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