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Victoriana

My Dear Watson? – Oscar Wilde, Sir Arthur Conan Doyle & die Sexualität des Sherlock Holmes

Oh, Sherlock Holmes. Du und ich, das ist eine lange Geschichte und sie ist ein bisschen holprig. Ich bin, wie viele andere auch, mit Sherlock Holmes aufgewachsen. Als Kind habe ich die Granada-Filme mit Jeremy Brett gesehen, später dann selbst die Originalgeschichten des schottischen Autoren Sir Arthur Conan Doyle gelesen, dann natürlich die PC-Spiele, die Guy-Ritchie-Filme, nicht zuletzt BBC Sherlock. Ich war im Baker-Street-Museum in London und eine Weile lang beinahe besessen von Sherlock Holmes. Das hat sich mit der Zeit jedoch gelegt, denn das Sherlock-Revival der 2000er Jahre mit seinen unzähligen Neuerzählungen in Serien-, Film-, und Romanform hat mich müde gemacht.

Geblieben ist jedoch die Faszination mit der Metaebene, denn Sherlock Holmes ist aus dem Kontext des fin de siècle nicht wegzudenken und begegnet mir auch immer wieder, wenn es eigentlich um etwas ganz anderes geht. Und dann ist da diese eine Frage, die immer wieder aufkommt: Was ist denn jetzt eigentlich Sherlock Holmes’ Sexualität? Dieser Frage sind letzte Woche einerseits Sabine von Ant1heldin und Karo von Fiktionfetzt nachgegangen und während ich beide Posts sehr interessant finde, sind mir so viele Dinge eingefallen, die ich zum Thema zu sagen hätte, dass ich tatsächlich das Gaiety Girl abgestaubt und mich ans Werk gemacht habe.

Der Kontext – Es geht nicht ohne die Viktorianer

Sherlock Holmes hat seinen ersten Auftritt in dem 1887 erschienenen Detektivroman “Eine Studie in Scharlachrot”. In seiner 1924 erschienenen Biographie schreibt Doyle, dass er Sherlock als Mann der Wissenschaft sieht, der Fälle präzise und intelligent löst und nicht darauf angewiesen ist, dass die Verbrecher Fehler machen und sich selbst zu erkennen geben. Der zweite Sherlock-Holmes-Roman “Das Zeichen der Vier” erschien 1890 und hier greift bereits der oben erwähnte Kontext. Denn “Das Zeichen der Vier” verdanken wir nicht zu kleinen Teilen einem gewissen Oscar Wilde. Diesen traf Sir Arthur Conan Doyle nämlich 1889 zufällig im Langham Hotel in London und aus einem Gespräch beim Essen entstand nicht nur eine Freundschaft, sondern auch die Grundidee für “Das Zeichen der Vier” – und Wildes einzigen Roman “Das Bildnis des Dorian Gray”.

Oscar Wilde und Sherlock Holmes? Das ist eine Verbindung, die oft außen vor gelassen wird, die ich aber als sehr wichtig für den weiteren Verlauf der Entwicklung der Figur des Sherlock Holmes empfinde, denn Sir Arthur Conan Doyle gefiel nicht nur Wildes Gesellschaft, sondern auch seine Verbindung zur Ästhetischen Bewegung, die das starre, graue, respektierliche Menschenbild der viktorianischen Jahre ablehnte und auf Schönheit und Lebensfreude setzte. Wilde und sein Zirkel an Künstlern und Schriftstellern waren gegen Ende des 19. Jahrhunderts der Inbegriff dieser Bewegung und während Sherlock Holmes’ Charakter zum Großteil auf Doyles Universitätsdozenten Joseph Bell basierte, färbte die Begegnung mit Wilde die Figur deutlich.

Sherlock Holmes wird zum Bohemian. In unseren modernen Augen mag es nicht ersichtlich sein, doch Sherlock Holmes ist alles, was der ideale Mann des ausgehenden 19. Jahrhunderts nicht ist: Er ist unverheiratet, ein ewiger Junggeselle, er scheut vor Kontakt mit anderen Menschen zurück, er ist drogenabhängig und ein Außenseiter. Dr. John Watson steht ihm als respektierliches Mitglied der Londoner Gesellschaft gegenüber. Watson ist das Idealbild des Mannes im Jahr 1890: Er ist Arzt, ein Mann der Wissenschaft, nüchtern und doch herzlich und vor allem, im späteren Verlauf, mit einer ebenso respektierlichen Frau verheiratet. Für moderne LeserInnen ist dieser Gegensatz vielleicht kaum spürbar, aber im Jahr 1890 war es genau diese ungleiche Dynamik, die das Duo Sherlock Holmes und Dr. John Watson so interessant machte: Der Exzentriker und der Philister.

Doyle selbst mag sein Leben in ähnlichen Bahnen gelebt haben, wie Watson es tut. Auch Doyle war Medizinstudent und später Arzt, bevor “Das Zeichen der Vier” ihm und Sherlock Holmes zu internationalem Ruhm verhalf. Doch es ist eindeutig, dass Doyle fasziniert war vom schimmernden Ästhetizismus, den sein neuer Freund Oscar Wilde so offen auslebte, denn genau dieser Ästhetizismus schlägt sich in Beschreibungen Holmes’ und seiner Wohnung in der Baker Street nieder. Watson ist aufrichtig und ehrlich. Holmes ist moralisch grau, wie eine Figur nur moralisch grau sein kann. Er schreckt nicht vor unlauteren Mitteln zurück, er betrügt, er ist korrupt – Das wohl stärkste Symbol dafür ist seine Drogensucht. Sie macht ihn schwach – und Schwäche ist etwas, das der ideale viktorianische Mann nicht kennt.

Viktorianische Missetaten: Die Wahrheit im Ungesagten

Was hat das nun mit Sherlock Holmes’ viel diskutierter Sexualität zu tun? Eine ganze Menge. Denn das Idealbild des spätviktorianischen Mannes ist nüchtern, anständig und natürlich heterosexuell – um einen Begriff zu verwenden, der um 1900 zwar noch nicht groß gebräuchlich war, aber es jetzt einfacher macht, dieses Konzept zu erklären. Der ideale Mann heiratet und gründet eine Familie, er geht einer anständigen Arbeit nach, er tritt gepflegt und nüchtern auf. Sherlock Holmes tut nichts dergleichen. Er lehnt Heirat und Familie ab, er ist exzentrisch, er arbeitet auf seine Weise und ist unberechenbar. Er passt nicht in dieses Idealbild, nicht einmal ein bisschen. Und deshalb ist auch die Heterosexualität, die ihm neuere Adaptionen immer wieder aufdrängen, so lächerlich.

Nein, Doyle schreibt nicht explizit, dass Sherlock Holmes queer ist, auf welche Weise auch immer. Und das tut er vor allem nicht, weil die Sherlock-Holmes-Geschichten auf dem Höhepunkt der Moralpanik des ausgehenden 19. Jahrhunderts erschienen. 1895 kostete Wildes Exzentrik ihn Karriere, Ruf und Familie – Exzentrik, die natürlich eng verbunden ist mit Wildes Queerness, denn in den berüchtigten Prozessen gegen ihn wurde seine “Verdorbenheit” (in den Augen der Zeitgenossen) durch den Umstand gestützt, dass er sexuelle Beziehungen zu Männern führte. Die 1890er sind geprägt von Fortschritt, doch genau dieser Fortschritt machte der britischen Gesellschaft Angst. Sie sah den Verfall ihrer Werte in allem, das von der strengen Norm abwich.

Das machte Sherlock Holmes für die LeserInnen natürlich interessant, denn er ist ein reines Sinnbild für so viel Verruchtes. Und er funktioniert nur, weil Doyle ihn durch die Ich-Perspektive des durch und durch respektierlichen Dr. John Watson filtert, der Sherlocks Missetaten wertet – ihn aber niemals ändern kann. Also nein, Doyle schreibt nicht – er kann nicht schreiben – was genau Sherlock Holmes’ Sexualität ist, weil sie von der einzig akzeptierten Norm Heterosexualität abweicht. Sherlock Holmes ist nicht heterosexuell. Es gibt keinen Grund, weshalb Doyle so vage hätte bleiben sollen, wäre er es. Der Teufel steckt immer im Detail und in diesem Fall ist das Detail der Kontext der starren Normen der spätviktorianischen Gesellschaft und dem, was eben nicht gesagt wird.

Das Argument, dass Sherlock keinerlei sexuelle Anziehung zu Frauen oder Männern zeigt, hat also kaum Gewicht. Denn dieser Kontext kann nicht ausgeblendet werden, der Kontext der 1880er und 1890er Jahre, in denen ein Roman mit einem offen queeren Helden nicht nur überhaupt nicht veröffentlicht worden wäre, sondern seinem Verfasser auch großen Ärger hätte einbringen können. Wichtig ist, dass Doyle mehrmals darauf besteht, dass Sherlock Holmes kein Interesse an Frauen hat: Er lehnt die gesellschaftlich akzeptierte Norm ab. Dazu kommt der berühmte Euphemismus des “ewigen Junggesellen”, der in den 1890er Jahren schon beinahe so etwas wie höflicher Slang für queere, allein lebende Männer war. Dazu kommen die beinahe schon erotisch aufgeladenen Beschreibungen von Holmes’ Drogensucht:

With his long, white, nervous fingers, he adjusted the delicate needle, and rolled back his left shirt-cuff. [..] Finally he thrust the sharp point home, pressed down the tiny piston, and sank back into the velvet-lined arm-chair with a long sigh of satisfaction.

The Sign of the Four – Sir Arthur Conan Doyle, 1890

Die Drogensucht, das stärkste Symbol für Sherlocks Ablehnung gesellschaftlicher Normen und seine “Verdorbenheit”, als Euphemismus für Sherlock Holmes’ Sexualität, die im Jahr 1890 nicht aufs Papier gebracht werden darf? Ich weiß es nicht. Diese Theorie hält sich wacker, nicht nur unter gewöhnlichen LeserInnen, sondern auch in der Forschung zu Sherlock Holmes und seinem fin de siècle. Ich weiß nicht, was ich davon halte. Ich sehe, dass das Argument nicht aus der Luft gegriffen ist, genauso wie ich in dem Zitat den Ästhetizismus in der Beschreibung des Sessels sehe, aber ich bin nicht sicher, inwieweit hier vielleicht zu weit gedacht wird. Eines ist jedoch klar: Sherlock Holmes ist nicht heterosexuell. In Doyles vagen Euphemismen, in seiner Betonung von Sherlocks Desinteresse an Frauen und gesellschaftlichen Idealbildern von Männlichkeit und Familienleben und auch im scharfen Kontrast zwischen Watson und Holmes wird das überdeutlich.

Sherlock Holmes und der Skandal von 1895

Sollen Sherlock Holmes und Dr. John Watson ein Paar sein? Wenn man mich fragt? Nein. Denn es ginge gegen alles, was ich gerade gesagt habe. Watson ist das Inbild eines Idealbilds. Durch seine Augen betrachten wir Sherlock Holmes, der das krasse Gegenteil dieses Idealbilds ist. Aber es ist gefährlich Sherlock Holmes’ Sexualität daran festzumachen, ob er nun mit John Watson schläft, oder nicht. Denn Sexualität ist nicht nur performativ. Sherlock Holmes’ Queerness hat mit Dr. John Watson erstmal überhaupt nichts zu tun und, falls sie von Doyle beabsichtigt war, dann ist sie auf Metaebene sehr viel weniger wichtig, als sie oft dargestellt wird. Sie ist am Ende eher ein weiteres “Symptom” von Sherlock Holmes als moralisch grauer Anthiheld, der anders ist, das genaue Gegenteil vom idealen, viktorianischen Mann Dr. John Watson.

 Könnte Sherlock Holmes nicht auch auf andere Art und Weise queer sein, zum Beispiel asexuell? Unbedingt. Aber aus dem viktorianischen Kontext heraus, aus der Moralpanik der 1880er und 1890er Jahre, aus dem reinen Umstand heraus, dass homosexuelle Handlungen mit Drogen- und Vergnügungssucht auf einem Level als Ende britischer Moral und als Ende des britischen Imperiums verstanden wurden, würde ich dazu tendieren, dass Doyle Sherlock Holmes, und nur ihn, tatsächlich als homosexuell envisionierte. Als moderne LeserInnen steht es uns frei, aus Doyles Werk das zu ziehen, was uns persönlich hilft, was uns gefällt, aber Sherlock Holmes als genialer, exzentrischer, schwuler Detektiv ergibt, wenn man sich den Kontext und besonders “Das Zeichen der Vier” anguckt, viel zu viel Sinn, um Zufall zu sein oder nichts weiter als Wunschdenken moderner LeserInnen. Oder?

I thought at the time, and still think, that the monstrous development which ruined him was pathological, and that hospital rather than a police court was the place for its consideration.

Aus “Memories & Adventures”, Sir Arthur Conan Doyles Biographie

Dieses Zitat aus Doyles selbstverfasster Biographie lässt viele moderne ForscherInnen und Holmes-Fans zweifeln, denn es riecht nach Queerphobie. Und würde jemand, der so etwas sagt, denn willentlich eine queere Figur schreiben? Der Kontext? Oscar Wildes tiefer Fall nach seiner Verurteilung im Jahr 1895. Das “monstrous development” ist jedoch nicht etwa Wildes Homosexualität an sich, sondern viel eher die Art und Weise, wie er sie lebte: Wilde war berüchtigt dafür, dass er männliche Prostituierte aufsuchte. Diese waren es auch, die 1895 gegen ihn aussagten und seinen Fall besiegelten. Es war schließlich nicht Homosexualität selbst, die strafbar war: Es waren sexuelle Handlungen zwischen zwei Männern. Diese Unterscheidung ist sehr wichtig, wenn man das fin de siècle und seine Moralpanik verstehen möchte.

Extrem wichtig finde ich außerdem, dass wir nicht davon ausgehen dürfen, dass Sir Arthur Conan Doyle gutheißt, was Sherlock Holmes tut. Er lässt Sherlock Holmes harte Drogen nehmen, gegen den Rat seines guten Freundes, des Ich-Erzählers Dr. John Watson, die Stimme der Vernunft, die Sherlock immer wieder ermahnt, der aber nicht zugehört wird. Sherlock tut sehr viel Verwerfliches, das Watson kritisiert, ohne, dass Sherlock dazu lernt. Selbst, wenn Sir Arthur Conan Doyle Queerness für eine Art Krankheit hielt, selbst, wenn er homophob gewesen sein mag (was ich bezweifeln würde. Seine für die Epoche liberalen Ansichten kosteten ihn einen Platz im House of Lords) – das wäre in meinen Augen bloß ein weiterer Grund um Sherlock Holmes erst Recht als queer zu lesen. Denn Sherlock ist ein Antiheld, wie er im Buche steht! Und sollte Sir Arthur Conan Doyle Queerness tatsächlich als etwas “verdorbenes” und falsches angesehen haben – Passt das nicht perfekt in das Bild des moralisch grauen Hedonisten Sherlock Holmes? Ich möchte dazu noch ein weiteres Zitat anbringen:

It was in the year ’95 that a combination of events, into which I need not enter, caused Mr. Sherlock Holmes and myself to spend some weeks in one of our great University towns […]

“The Adventure of the Three Students”, Sir Arthur Conan Doyle, 1904

Das ist der Anfang der Kurzgeschichte “Die drei Studenten” von 1904, die später im Sammelband “Die Rückkehr des Sherlock Holmes” erschien. Ohne Kontext ist der Satz relativ harmlos. Wer diesen Artikel aber aufmerksam gelesen hat, der weiß, was im Jahr 1895 passiert ist: Die Verurteilung von Oscar Wilde, Sir Arthur Conan Doyles Freund, die darauf folgende Zuspitzung der Moralpanik – und die Flucht vieler queerer Londoner auf’s Land oder sogar ins Ausland. Und was mag die “Kombination von Ereignissen”, die Dr. John Watson anspricht, aber nicht beim Namen nennen will, sein, die ihn und Sherlock Holmes im Jahr 1895 zwingt, London zu verlassen und sich in einer der kleineren Universitätsstädte einzufinden? Natürlich kann man jetzt sagen, dass das Zufall sein könnte, aber es wäre ein deutlich zu großer, wenn man den ganzen Rest in Betracht zieht.

Watson als moralischer Spiegel, Holmes als Hedonist

Und jetzt? Kann ich zweifelslos beweisen, dass der große Sherlock Holmes als queere Figur angelegt war? Nein, das kann ich nicht. Ich denke aber, dass es, wenn man den historischen und gesellschaftlichen Kontext beachtet, deutlich wird, dass Sherlock Holmes nicht als heterosexuell angelegt war. Sherlock ist Hedonist, er ist Antiheld, er ist Ästhetizist, Exzentriker, in den Augen der Viktorianer durch und durch unmännlich: Das genaue Gegenteil des nüchternen, respektierlichen viktorianischen Ehemanns und Familienvaters. Er ist nicht auf Sir Arthur Conan Doyles Wohlwollen angewiesen, denn dieser filtert all seine Taten durch die kritische Linse der Ich-Perspektive des anständigen Dr. John Watson. Und das ist kein Zufall.

Nein, die Sherlock-Holmes-Geschichten sind keine Kritik am viktorianischen Idealbild, denn es ist in Watson vereint und positiv gespiegelt, der uns als ehrlicher, gutmütiger, aufrichtiger Erzähler vorgestellt wird. Aber, und das ist das, was uns wohl unbewusst bis heute so sehr an Sherlock Holmes fasziniert, Doyle lässt ihn sein. Er kritisiert sein Verhalten über Watson und doch muss Sherlock sich nicht ändern, er muss sich nicht ins Idealbild pressen lassen, er darf exzentrisch und unmännlich sein und das funktionierte für die zeitgenössischen LeserInnen, gerade weil Watson als Gegenpol agiert, der ihr Idealbild und den Schein von Respektierlichkeit und Anstand aufrecht erhält. Sherlock Holmes ist eine wild card wie sie im Buche steht: Der unberechenbare Hedonist, der macht, was er will, der moralisch grau ist, oder sogar “verkommen”.

Auf den ersten Blick mag an Sherlock Holmes aus moderner Sicht nichts Erotisches sein. Sherlock hat kein Interesse an Frauen und an Romantik, Sherlock sperrt sich immer wieder gegen traditionelle Bilder von Familie, Ehe und ja, auch Gender, denn all seine Eigenschaften sind im viktorianischen England unmännlich. Aber das heißt nicht, dass die Sherlock-Holmes-Geschichten in ihren Euphemismen, Beschreibungen und vor allem auch Umschreibungen nicht erotisch aufgeladen sind. Denn das sind sie. Und im Kontext zur viktorianischen Gesellschaft, zur Moralpanik des fin de siècles und vor allem auch dem Skandal um Oscar Wilde sagen die Geschichten, besonders “Das Zeichen der Vier”, dann am meisten, wenn man zwischen den Zeilen lesen muss. Und das muss man mit Geschichten aus dieser Zeit immer, denn es ist eine Zeit, die zensiert, in der man nicht alles deutlich schreiben durfte, was man dachte.

Selbst Oscar Wilde musste “Das Bildnis des Dorian Gray”, das so eng mit “Das Zeichen der Vier” verschwistert ist, auf Anraten seines Lektors ein Stück weit zensieren, und der “Dorian” wurde trotzdem der größte Skandalroman der Epoche. Doyles Sherlock Holmes ist vorsichtiger, er ist gefälliger, er bedient das gewünschte Idealbild. Und doch ist Sherlock Holmes, wenn man Kontext, Entstehungsgeschichte und vor allem die entsprechenden Euphemismen zuordnen kann, unmissverständlich queer. Queer, das war um 1900 nicht umsonst eine Bezeichnung, die alles einfasste, das nicht der gesellschaftlichen Norm entsprach. Und Sherlock Holmes, der Hedonist, ist queer auf alle Arten, die das Wort um 1900 einschloss, und das ist auch kein Versehen.

Nachwort: Wieso ist das wichtig?

Aber muss man Sherlock Holmes so lesen? Darf man überhaupt so sehr zwischen den Zeilen suchen? Ich sage: Ja. Denn, wie gesagt, geht das nicht anders, wenn man mit Material arbeitet, das in einer Zeit entstanden ist, in der vage Umschreibungen und Euphemismen gezielt genutzt wurden, um das Ungesagte deutlich zu machen. Und wieso ist das so wichtig? Hier kann ich euch nur meine Perspektive als Historikerin mitgeben: Es ist wichtig, weil auch das ein Stück Geschichte ist. Gesellschaftsgeschichte, Geschichte von viktorianischer Literatur, aber auch queere Geschichte, denn so oder so ist Oscar Wilde tief verwickelt in die Geschichte der Romanfigur Sherlock Holmes. Die Forschung ist noch nicht sehr weit, was queere Geschichte angeht, weil auch die Geschichtswissenschaft nach wie vor heteronormativ geprägt ist. Aber genau deshalb ist das so wichtig, um queere Geschichte zu verstehen und in den historischen Kontext einordnen zu können.

Natürlich kann man Sherlock Holmes auch einfach als spannende Abenteuergeschichten lesen. Aber ich finde es wichtig zu verstehen, warum es so schade ist, dass Sherlock heute immer und immer wieder in heteronormative Muster gepresst wird. Ob man ihn nun als queer lesen möchte oder nicht – Sherlock Holmes ist alles andere als heteronormativ. Und das machen die allermeisten modernen Adaptionen falsch: Sherlock Holmes ist ein Rebell, der alle Normen seiner Gesellschaft rigoros ablehnt. Ihn in heteronormative Liebesgeschichten zu pressen wirkt immer lächerlicher, je mehr man sich mit der Geschichte dieser Romanfigur auseinandersetzt, je mehr man versteht, wie bezeichnend sie für die 1890er Jahre ist, für diese Gesellschaft, geprägt von Moralpanik und dem großen Wildeskandal. Und dann wirkt es auch nicht mehr aus der Luft gegriffen, Sherlock Holmes als homosexuell zu lesen, oder zumindest als “queer” in seiner ursprünglichen Bedeutung: Exzentrisch, unberechenbar und deshalb so faszinierend.


Titelbild: “I Fell Into a Brown Study”, Sherlock-Holmes-Illustration von Sidney Paget, Strand Magazine 1893, Toronto Public Library


Selbst nachlesen?

Doyle, Sir Arthur Conan: Memories & Adventures. 1924.

Michael, John: Indroduction, In: Doyle, Sir Arthur Conan: “The Sign of the Four”, 2001.

Pogrebin, Robin: When Sherlock Got His Quirks. The New York Times, 1996.

Rubio Caravaca, Irene: Sexuality in Arthur Conan Doyle’s The Sign of Four.

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