Rezension | “Titanic” (2012): Eigenwillig inszeniertes Katastrophendrama

Im Jahr 2012, als sich der Untergang der Titanic zum hundertsten Mal jährte, kam nicht nur der berühmte Hollywoodfilm von 1997 erneut in die Kinos, es gab auch so einige neue Aufarbeitungen des Unglücks in Roman- und Serienform. Damals habe ich auch meinen Artikel zur Titanic geschrieben, den ihr lesen könnt, falls ihr euch über den historischen Hintergrund informieren möchtet, bevor ihr diesen Text hier lest. Eine Miniserie, die irgendwie an mir vorbeigegangen ist, ist nämlich “Titanic” – und zwar die ITV-Serie. Darauf aufmerksam geworden bin ich erst vor ein paar Tagen, denn kein geringerer als Julian Fellowes, der an “Downton Abbey” gearbeitet hat, hat die Serie geschrieben.

“Titanic” bringt auch einige bekannte Namen mit. Das Dienstmädchen Annie Desmond wird von Jenna Coleman gespielt, die man aus “Doctor Who” und “Victoria” kennt, Perdita Weeks (“The Tudors” und viele andere britische period dramas) spielt die politisch engagierte Lady Georgiana und Sophie Winkleman (“The Palace”, “Two and a Half Men”) verkörpert die Schauspielerin Dorothy Gibson, eine der vielen realen Persönlichkeiten, die auf der “Titanic” reisten und in “Titanic” eine große Rolle spielen. Mit insgesamt ca. 180 Minuten Spielzeit ist die Mini-Serie wirklich sehr kurz. Sie wurde in vier Folgen ausgestrahlt, die für die deutsche Ausstrahlung zu zwei Folgen in Spielfilmlänge zusammengefasst wurden. Eine Folge mehr hätte mir am Ende gut gefallen, aber dazu später mehr.

Arm, reich und alles dazwischen: Die Titanic als Mikrokosmos

Lady Georgiana (Perdita Weeks) mit ihren Eltern Lady Manton (Geraldine Somerville) und Lord Manton (Linus Roache) im Salon der ersten Klasse | Bild eingebunden über imdb.com

Ich bin mit eher geringen Erwartungen an die Serie herangegangen, denn ich liebe den Film von 1997. Die bildgewaltigen und authentischen Nachbildungen des Innenraums der Titanic und die kostbaren, detailverliebten Kostüme kann die ITV-Serie nicht bieten und das ist ja auch klar, denn sie hatte längst nicht das Budget eines Hollywoodstreifens. Doch das, was sie macht, macht sie eindrücklich. Die Serie arbeitet mit einer Menge Figuren, denn sie will das machen, was der James-Cameron-Film nicht geschafft hat: Ein vollständiges Portrait des Mikrokosmos Titanic und seiner gesellschaftlichen Ordnung zeichnen. So werden einem nicht nur die erste Klasse und das Zwischendeck näher gebracht, sondern auch die zweite Klasse, das Leben der Bediensteten auf dem Schiff und das der Besatzung.

Mit Georgiana und ihrer Familie bekommt man Einblick in die erste Klasse. Lady Georgiana Grex ist ein bisschen die Rose Dewitt-Bukater dieser Version: Das reiche Mädchen aus gutem Hause, das politisch ambitioniert ist und sich für Frauenrechte und gegen Klassengrenzen einsetzt. Politisch gesehen fand ich Georgiana überzeugender, denn ihre Anliegen sind historisch authentischer und subtiler dargestellt. Als Figur kommt sie an Rose aus dem Film von 1997 aber einfach nicht ran und das ist auch kein Wunder, denn man folgt im Verlauf der 180 Minuten knapp 20 Figuren und da bleibt leider kaum Zeit, um alle Figuren wirklich auszuarbeiten.

Meine Lieblingsfiguren waren John (Toby Jones) und Muriel Batley (Maria Doyle Kennedy), ein irisches Paar, das in der zweiten Klasse reist. Beide kämpfen auf ihre Weise mit ihrem unsicheren sozialen Stand an Bord und der Xenophobie gegenüber Iren, die sich im Konflikt mit Georgianas Familie zeigt. Auch das Dienstmädchen Annie (Jenna Coleman) habe ich schnell liebgewonnen, genauso wie den Kellner Paolo (Glen Blackhall) und seinen Bruder Mario (Antonio Magro), der im Maschinenraum arbeitet. Einblick in die dritte Klasse erhält man über den Elektriker Jim Maloney (Peter McDonald), seine Frau Mary (Ruth Bradley) und die fünf Kinder des Paares, die ihre Überfahrt nach New York als Bezahlung für Jims Arbeit an der Titanic bekommen haben. Dann gibt es noch den mysteriösen Peter Lubov (Dragoș Bucur) und die wohlhabende, amerikanische Familie Widener, die Bediensteten von Georgianas Familie und und und…

Ihr seht, es ist viel los und das ist auch gut so, denn der Serie gelingt es, über die Vielzahl an Figuren die Klassengrenzen auf dem Schiff zu verdeutlichen und verständlich zu machen. Das sorgt besonders während des groß inszenierten Untergangs für Spannung, als alle Figuren um ihr Leben kämpfen und aufgrund ihrer sozialen Stellung bessere oder schlechtere Chancen haben. An sich ist “Titanic” (2012) um einiges historisch authentischer, als viele seiner Vorgänger. Es ist bei weitem nicht perfekt, ein paar Freiheiten gibt es, aber besonders der Untergang und auch die Kollision mit dem Eisberg und wie es dazu kommen konnte sind verständlich und spannend erzählt, sodass man als Zuschauer.in eine ganz neue Sicht auf die Katastrophe bekommt, die über “Sie hatten nicht genug Rettungsboote” und “Frauen und Kinder zuerst” weit hinausgeht.

Großartige Kostüme und zu viele Liebesgeschichten

Muriel (Maria Doyle Kennedy) und John (Toby Jones) während des Untergangs | Eingebunden über imdb.com

Interessant finde ich, dass zumindest die deutsche Version, in zwei Spielfilme aufgeteilt, anders geschnitten ist, als das Original mit vier Folgen. Im Original endet nämlich jede der ca. 45 Minuten langen Folgen mit dem Untergang des Schiffes, man folgt aber jede Folge anderen Personen bis ans Ende der “Titanic”. Das ist eigenwillig, aber ich liebe die Idee dahinter. In der deutschen Version geht das leider ein bisschen verloren. Auch hier enden beide Filme mit dem Untergang des Schiffes, doch die Geschichten der einzelnen Passagiere sind mehr zusammen geschnitten. (Es soll auch eine Version geben, die komplett chronologisch ist, da soll noch einer durchblicken…) Was mir jedoch gut gefallen hat ist, dass man durch die verschiedenen Sichtweisen auf die Geschehnisse im zweiten Film Antworten auf Rätsel bekommt, die sich im ersten Film aufgetan haben. Dieser nicht chronologische Ablauf der Ereignisse ist clever, weil er das Verständnis für die Tragödie fördert.

Obwohl die Mini-Serie bei weitem nicht so pompös und dramatisch daherkommt, wie der Hollywoodfilm von 1997 hatte sie auf mich dieselbe, wenn nicht sogar eine bessere Wirkung: Am Ende habe ich geweint, was mir bei Filmen und Serien wirklich selten passiert, und während die Titanic sinkt, hatte ich eine richtige Gänsehaut. Generell mag ich, dass der Film nicht auf überladene Bilder setzt, sondern auf Authentizität. Die Kostüme von James Keast sind gelungen, zumindest an den Hauptdarstellern, und bei einer Serie mit weniger Budget reicht mir das. Nein, sie sind nicht so schön und verspielt, wie Roses Kleider im Film von 1997, aber Keast gelingt es, die soziale Stellung der Figuren mit Stoffen, modischen Schnitten, Frisuren und Hüten auszudrücken, was mir sehr gefallen hat.

“Es geht um richtige Leute in richtiger Kleidung, nicht um Kostüme.” | James Keast über seine Arbeit an “Titanic”

Dieser Ansatz, die Kostüme als Alltagskleidung zu zeigen, hat mir wirklich gut gefallen und genau das gelingt auch. Auch seine Uniformen für die Besatzungsmitglieder und die Bediensteten an Bord sind gelungen und tragen viel zur Atmosphäre der Serie bei. So kleidet Lady Georgiana sich schlicht, aber elegant und modisch. Muriel hingegen, die weniger Geld und Ansehen hat, als sie gern hätte, merkt man hingegen an ihren Kleidern an, dass sie versucht, modisch und einflussreich zu wirken. Die Schauspielerin Dorothy Gibson trägt glamouröse, für ihre Zeit gewagte Outfits und im Gegensatz zu den anderen Figuren auffälligeres Make-Up, genau, wie es eine Schauspielerin am Ende der Belle Époque getan hätte. Keast entwarf alle Kostüme für die Serie, über tausend Outfits, von denen einige auch in mehrfacher Ausführung gebraucht wurden, da sie in den Untergangsszenen nass wurden. Eine beachtliche Leistung.

Wenn mir etwas nicht so gut gefallen hat, dann das abrupte Ende der Serie. Wie ich oben bereits erwähnt habe, hätte ich eine fünfte Folge gern gesehen, in der man erfährt, was nach der Rettung durch die Carpathia aus den Überlebenden wird. Wie gehen sie mit dem Tod einiger Figuren um? Was machen sie in den Monaten nach dem Untergang? Dorothy Gibson zum Beispiel wurde gezwungen, noch 1912 in einem Spielfilm über die Titanic mitzuwirken. Ein traumatisches Erlebnis, das ich gern noch behandelt gesehen hätte. Aber auch das Schicksal der fiktiven Figuren hätte mich noch interessiert, denn für die wohlhabenden Menschen sahen die Folgen des Untergangs natürlich ganz anders aus, als für die ärmeren.

Auch finde ich ein bisschen schade, dass beinahe jede Figur eine Liebesgeschichte abbekam. Muriel und Johns Eheprobleme fand ich interessant, da sie beiden Figuren Tiefe verlieren haben, doch zum Beispiel die Romanzen zwischen Lady Georgiana und dem reichen Amerikaner Harry Widener oder zwischen Annie und Paolo fand ich unnötig. Schon allein, weil einem hier gleich mehrere Heteroromanzen aufgetischt werden, wo in einem Drama von 2012 sicherlich auch Platz für wenigstens eine queere Liebesgeschichte gewesen wäre. Auch ist die Serie sehr weiß. Ich mochte, dass die Xenophobie gegenüber irischen und italienischen Passagieren behandelt wurde, doch auf der Titanic reisten zum Beispiel auch viele nordafrikanische Auswanderer, von denen man leider gar nichts zu sehen bekommt. Da wäre mehr gegangen.

Fazit: Ein tolles Kostümdrama, das sich zum Bingewatching eignet

Am Ende ist die Miniserie “Titanic” von 2012 trotzdem eine sehr emotionale, spannende Umsetzung des Stoffes, der durch seine nicht chronologische Handlung und den Einblick in die verschiedensten sozialen Klassen auf dem Schiff etwas Neues beitragen kann, obwohl es bereits so viele Umsetzungen des Themas gibt. Die Serie setzt auf historische Authentizität anstelle von Pomp und Glamour und das gelingt gut. Man lernt viel über den Untergang der Titanic, aber auch über ihre Vorgeschichte und über die späte Belle Époque und ihre gesellschaftlichen Regeln, doch “Titanic” wirkt nicht von Infos überladen, sondern bleibt nebenbei spannend – und nimmt mit. Obwohl die vielen Figuren nicht alle ausführlich vorgestellt werden, wachsen sie einem ans Herz und der dramatisch inszenierte Untergang geht an die Nieren.

Mir hat “Titanic” (2012) daher sehr gut gefallen und ich würde die Miniserie allen empfehlen, die sich für die Titanic interessieren und einen frischen Umgang mit dem Thema sehen möchten. Darüber hinaus ist “Titanic” (2012) auch einfach ein gelungenes Kostümdrama, das fiktive Figuren und historische Persönlichkeiten wie Dorothy Gibson, die Wideners, Molly Brown, John Jacob Astor und viele andere sehr organisch nebeneinander existieren lässt. Die Serie ist nicht die authentischste Umsetzung (Das fällt wohl dem Klassiker “Die letzte Nacht der Titanic” von 1958 zu), aber sie ist gut. Ich würde übrigens empfehlen, sich einen Abend Zeit zu nehmen und die ganze Serie am Stück zu schauen, denn die nicht chronologische Handlung und die vielen Figuren brauchen volle Konzentration, um alles mitzubekommen und zu verstehen.


Möchtest du mehr Rezensionen von Filmen und Serien, die in der Belle Époque spielen, sehen? Dann würde ich mich sehr über deine Empfehlungen in den Kommentaren freuen!


Beitragsbild: “The Sinking of the Titanic” von Henry Reuterdahl, 27. April 1912

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